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Porträtfoto: © Archiv HA Schult-Museum

HA Schult

Eine Welt, in der wir atmen

Schon die aktuelle Werkgruppe der Trash People teilt viel über das Engagement, die Kompromisslosigkeit und die Präsenz von HA Schult mit. Die Trash People sind hunderte lebensgroße, der menschlichen Statur nachempfundene Figuren aus gepresstem, verklebtem Metall- und Elektroschrott, die HA Schult seit Mitte der 1990er Jahre auf der ganzen Welt in Szene setzt. Sie standen auf dem Roten Platz in Moskau (1999), auf der Großen Mauer in China (2001), vor den Pyramiden von Gizeh (2002), unter Tage in Gorleben (2004), in der leeren, vom Schnee verwehten Weite der Arktis (2011) oder, vor einem halben Jahr, in der Felsenstadt Matera. Eigentlich sollten einige von ihnen jetzt im „Glashaus“ in der Kapuzinergasse in der Düssel­dorfer Altstadt und demnächst im Senegal zu sehen sein – vielleicht klappt beides ja doch noch. Es ist paradox, dass ausgerechnet ein Virus den Auftritt dieser Botschafter für den Umweltschutz verhindert. Im Recycling als Kunst, welche den Konsum und seinen Müll schmerzhaft und ästhetisch vor Augen führt, machen diese Skulpturen auf die Verschmutzung der Erde aufmerksam. Sie provozieren die Auseinandersetzung mit unserem Lebensstil und warnen vor dem Klimawandel. Und weil diese Themen so drängend sind, ist HA Schult selbst immer dabei und führt Politiker und Wirtschaftslenker an Ort und Stelle. Er agiert als „Macher“, wie er sich selbst bezeichnet, hat Flugblätter und Flyer unterm Arm, spricht, bis er jeden erreicht hat, und bleibt die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit in Person.

So kommt jetzt, in der Corona-Krise, ein fotografisches Porträt wieder ins Bewusstsein, das HA Schult mit einer weißen Maske über Mund und Nase zeigt. Entstanden ist dieses Foto 1969 zu seiner Ausstellung im Museum Schloss Morsbroich in Leverkusen. Die Ausstellung sorgte für bundesweites Aufsehen und hinterfragte noch die Rolle von Museen. „Ausgestellt“ waren Bakterien und Pilzkulturen, die (ungiftige) prozesshafte Reaktionen durchliefen; so änderte sich in einem Becken die Farbe des Wassers infolge des Lebenszyklus fototaktisch empfindlicher Blaualgen. Schult demonstrierte Veränderung durch Umwelteinwirkung, und zwar allmählich, schleichend. Schon damals hat er dies unter dem Begriff „Biokinetische Situationen“ zu­­sammengefasst. „Mei­ne Akti­o­­nen sind auf Zeit gebaute Bilder“, hat Schult in einem Interview ergänzt (Paderborn 2013). Sie sind Modelle für die Wirklichkeit: Unser rücksichtsloser Umgang mit der Natur und mit den Ressourcen der Erde lässt diese zur tickenden Zeitbombe werden. Im Titel seiner Ausstellungen in der Kunsthalle zu Kiel und im Lenbachhaus München 1974/75 benennt er das Sujet und Anliegen seines gesamten künstlerischen Werkes: „Die Welt in der wir atmen“. Zur Luft gehören das Wasser und der Umgang mit der Natur. Schult, der Pionier der Umwelt-Kunst, übt Kritik und Lob an Fortschritt und Technologie, insbesondere an unserer Nutzung des Autos, und hat sogar einen Umweltpreis mitinitiiert, den „ÖkoGlobe“.

Auf der documenta 1972 hat Schult die Biokinetik weiter vor Augen geführt: mit einem verseucht wirkenden Gelände im Außenraum, das von einem Soldaten bewacht wurde, und mit den riesigen Entwurf eines Labors, das die biologischen Reaktionen veranschaulichte. Zeitgleich entwickelt Schult seine „Pictures Boxes“ hinter Glas, die Miniaturbauten nach realen Architekturen enthalten, umkreist von düsteren Landschaften und angereichert mit Bakterien, die sich über die Jahrzehnte weiterentwickeln. „Schloss NeuWahnstein“ (1983-87, Museum Ludwig, Köln) zeigt eine apokalyptische Szenerie aus Schlamm und Sand und darüber einen glutroten Himmel. Das so sehr deutsche Schloss selbst ist im Zentrums des Tableau aus den Fugen geraten. Weiter unten sind die Spuren unserer genussreichen Zivilisation zu sehen: Scherben, eine Zeitung, ein Päckchen Waschpulver, dazu Cola-Dosen, die auch Zigarettenkippen oder Patronenhülsen sein könnten. Und versinkt nicht am rechten Rand in einem tiefschwarzen Öl-See das Dach eines Autos? In diesem Materialbild rumort es wie vor einem Vulkanausbruch. Aber die „Picture Boxes“ reflektieren auch Zeitgeschichte: das Dritte Reich und die deutsche Geschichte oder den Brandanschlag in Solingen 1993 oder die Rolle der USA in der Weltpolitik. Sie sind mehr Malerei als Objekt, betörend in ihrer Expressivität und Tonalität und in ihrer Detailfreude an Altdorfers „Alexanderschlacht“ erinnernd.

HA Schult wurde 1939 in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Aufgewachsen in Berlin, hat er ab 1958 zunächst Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass die Avantgarde dieses Mediums schon vergeben wäre, etwa durch seine Mitstudenten Graubner, Polke und Gerhard Richter. Rund ein Jahrzehnt später und mittlerweile in München ansässig, findet er die eigene künftige Form für seine Anliegen. Er realisiert in rascher Folge „Situationen“, partiell verwandt mit den Happenings der Fluxusbewegung, aber auf die jeweilige Umgebung und die Struktur des Publikums eingehend. Eines der ersten findet im Juni/Juli 1968 in einer U-Bahn-Station in München statt, eine temporäre Nutzung mit weiteren, von ihm eingeladenen Künstlern, die von 18.000 Besuchern gesehen wird – auch künftig zielt Schult darauf, einen möglichst großen Personenkreis zu erreichen, folglich geht er direkt in die Öffentlichkeit und erhebt die Pressearbeit geradezu zu einem Teil seines Werkes. Bei seiner „sub art“ in München ordnete HA Schult Steinsockel im Raum an, auf denen verpackte Zeitungsstapel lagen, die aufgerissen und gelesen werden durften. Laszlo Glozer sprach in seiner Rezension in der FAZ von einer „Sockelarmee“ – vielleicht war hier schon das angelegt, was Jahrzehnte später zu den Auftritten der Trash People führt.

Die Zeitung mit ihrer medialen Macht, ihrer rasanten inhaltlichen Vergänglichkeit und dem Papier als Recycling-Produkt bleibt ein Mittel in Schults Kunst. 1969 blockiert er mit Altpapier – unter dem Slogan: „Kunst so nötig wie Müllabfuhr“ – die Schackstraße in Schwabing für den Autoverkehr. 1976 bedeckt er den Markusplatz in Venedig im Morgennebel knöcheltief mit den weißen Zeitungen, die hier Abfall sind. In seinem Beitrag zur documenta 1977 legt er noch eins drauf: Bei „Crash“ lässt er eine Cessna, beklebt mit Logos des westlichen Konsums, in eine Müllhalde auf Staten Island stürzen, nachdem sie zuvor eine Runde über Manhattan gedreht hat; Flug und Landung werden nach Kassel übertragen. Andere Aktionen machen auf die Rolle und die Auswirkungen des Autos aufmerksam: Für die „Aktion 20.000 km“ (1970) fährt Schult in 20 Tagen diese Kilometer in Deutschland von Süd nach Nord und Nord nach Süd und diskutiert an den Haltepunkten mit dem wartenden Publikum. In seiner Wahlheimat Köln zelebriert er 1989 den „Fetisch Auto“ mit elf spektakulären Aktionen und Skulpturen, darunter dem goldenen „Flügel-Auto“ auf dem Stapelhausturm. 1996 blockiert er mit einem Stau vollkommen weißer Autos die Rheinpromenade in Düsseldorf. 2016 fährt er mit einem Auto von Paris nach Peking und sammelt aus den Flüssen und Seen der verschiedenen Länder Wassertropfen, die er abends in den Hotels unter einem Mikroskop fotografiert – die Fotografien hängen heute im Andreas Quartier in Düsseldorf.

Überhaupt Düsseldorf: Dort hat für Schult alles begonnen, nicht nur das Studium an der Kunstakademie (erst bei Meistermann und Faßbender und dann so richtig, als erster Student, bei K. O. Götz), sondern auch die Einblicke in die Ateliers in der Gladbacher Straße 69, wo die ZERO-Künstler arbeiteten und ihre Werke in die Welt hinaus schickten. Oder die Besuche in der Galerie von Jean-Pierre Wilhelm, für den er 1960 die Plakate zur Ausstellung von Robert Rauschenberg und Cy Twombly in der Altstadt austrug: „Brachte sie ins Kommödchen, Fatty‘s Atelier, zum Czikosch, zum Schlösser und ins Bobby. Nach der Ausstellung sammelte ich alles wieder ein, keines war geklaut... heute wird es zum Stückpreis von 750 Euro angeboten.“ Unvergessen in dieser Zeit die Abende im Creamcheese (dem Schult vor eineinhalb Jahren eine Ausstellung in der Mutter Ey-Galerie widmete). Dann die eigenen Ausstellungen als Künstler mit internationalem Renommee. Die „Picture Boxes“ etwa waren 1982 in Düsseldorf zu sehen, in der ruhmreichen, nach wie vor aktiven Galerie von Hans Strelow. Dann der „Stau“ auf der Rheinpromenade, Und seit 2015 ist Schult mit Atelier am Florapark wieder ganz da, zunächst mit Aktivitäten im und an der Fassade des Andreas Quar­tiers, zudem mit Ausstellungen bei Dirk Geuer sowie unlängst seinem „Heerdter Wasserwurf“ und demnächst der „Düssel­dorfer Kunstsuppe“. Es muss eben weitergehen.

HA Schults Monumentalbild „Wall of Freedom“ befindet sich am Eckgebäude Neubrückstraße/Ratinger Straße.
Der „AutoDom“ steht im Hafengebiet, zu sehen auf dem Weg vom Steg am Medienhafen zur Bremer Straße.

TH

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