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Dorothy Iannone in ihrer Wohnung in Berlin, 2002
© Foto: Rolf Walter

Dorothy Iannone

Feier des Lebens

Was für eine wunderbare Hommage und Wiederentdeckung für das Rheinland: In ihrer Doppelausstellung mit Dorothy Iannone im Kölnischen Kunstverein reflektiert Jennifer Blightman mit ihren eigenen multimedialen Werken die zentralen Qualitäten der US-amerikanischen Künstlerin: Sinnlichkeit und Liebe, autobiographisch erzählt mit der Erotik als Selbstverständlichkeit und das Eintreten gegen Zensur und für Gleichberechtigung. Vorgetragen ist dies von beiden Künstlerinnen mit Humor, Deutlichkeit und Tief­gründigkeit. Das Szenische im Alltäglichen, das ihre Freunde der Fluxus-Bewegung favorisieren, steckt ohnehin im Werk von Iannone, von der es heißt, sie habe damals Glamour ins Rheinland gebracht: Zwi­schen 1968 und 1974 lebt sie in Düsseldorf, liiert mit Dieter Roth, der als Professor an die Kunstakademie berufen war. Erst wohnt das Paar in Oberkassel, dann in einer Wohnung am Mannesmannufer. Bernd Jansen hat dies fotografisch dokumentiert, eines dieser Porträts war kürzlich im Stadtmuseum ausgestellt und ließ erkennen, wie prunkvoll sich Iannone mit ihrem Werk daheim eingerichtet hat. Wie Susanne Rennert zur Retrospektive 2014 in der Berlinischen Galerie geschrieben hat, gibt es erstaunlicherweise kaum gemeinsame Bilder von Iannone und Roth, die mit ihren Schweizer Freunden Karl Gerstner, André Thomkins und Daniel Spoerri das Kulturleben Düsseldorfs bereichert haben.

Dorothy Iannone wurde 1933 in Boston geboren. Sie studiert amerikanische und englische Literatur; Kunst ist Nebenfach. Im Laufe der Jahrzehnte wird sie etliche Künstlerbücher mit kleinteiligen Bilderzählungen erstellen, und Literatur als Verweise sowie handgeschriebener Text ist sowieso in ihre grafisch schablonenhafte, überbordende Malerei integriert. 1958 heiratet sie den Maler James Upham, mit dem sie durch die Welt reist und 1963-67 eine Galerie im Greenwich Village in New York leitet. Selbst beginnt sie ab Ende der 1950er Jahre als Künstlerin zu arbeiten. Ihre Malerei ist anfänglich dem abstrakten Expressionismus zuzurechnen, Farb­­fetzen halten sich in Balance; allmählich tauchen hier wie in Wimmelbildern Figuren auf. Im nächsten Schritt sind sie nackt, mit überbetonten Geschlechtsteilen. Zugleich zentriert sich der Bildaufbau. Das leuchtend Ornamentale mit seiner kaleidoskopartigen Organisation ist von der japanischen Papierfaltkunst und orientalischen Mustern beeinflusst, die sie auf ihren Reisen studiert hat, aber gewiss spielt hier und im Folgenden auch die Flower Power Bewegung eine Rolle. Um 1966/67 entstehen die „People“: Comichaft ausformulierte Zeichnungen auf Papier, welches sie auf Holz aufgezogen und als stehende, 30-40 cm große Figuren ausgeschnitten hat. Als Vorlage dienen Iannone wahre und erfundene Frauen und Männer, bei denen nun die Vagina frei liegt oder der Penis aus der Hose hängt.

Aber erst seit der Zeit mit Dieter Roth, den sie 1967 in Reyk­ja­vík kennenlernt, tritt die Darstellung der Sexualität in der Partnerbeziehung in den Mittelpunkt ihrer Bilder – vorgetragen mit einer spielerischen Naivität und Erfindungsgabe, die etwas Unschuldiges besitzt. Im Interview mit Maurizio Cattelan sagt Dorothy Iannone, das für sie „bestimmende The­­­ma“ sei „die rückhaltlose Beziehung zum Geliebten.“ (2011) Sie kommt erst recht in den Tarot-Karten zum Ausdruck, die schon im Titel auf Dieter Roth verweisen, den sie als ihre Muse be­­zeichnete, also in Umkehrung zu den Rollenklischees. Hier und auf den Gemälden und Siebdrucken sind die Partner gleichberechtigt. Die Schilderung der Liebesspiele ist explizit, mitunter folgen mehrere Szenen nacheinander. Das Rankwerk aus floralen Partien und Herzen ist sorgfältig ausgemalt und steigert das statisch Plakative. Trotzdem, die Darstellungen von Iannone stehen unter dem Verdacht des Pornographischen. Nachdem ihre Werke 1969 schon in der „Ausstellung der Freunde“ in der Kunsthalle Bern von eini­­gen der männlichen Künstlerkollegen (etwa im Anbringen von Feigenblättern) zensiert worden und daraufhin von Iannone abgehängt worden waren, gab es auch Proteste auf der Folgestation in der Kunsthalle ihrer damaligen Wahl­heimat.

Das Werk von Iannone ist in sich konsequent, von Anfang an bis heute. Es geht ja schon 1961 los, als sie in den USA gegen das Einfuhrverbot von Büchern wie Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ mit Erfolg prozessiert. Nicht nur mit ihrer Haltung gehört Iannone zu den Vorreiter*innen eines neuen Selbst­verständnisses von Liebe und Sex, sie hat auch neue künstlerische Formen geschaffen. 1972 entstehen die im typischen Stil bemalten „Singing Boxes“, aus denen Iannones Gesang vom Ton­band zu hören ist. Dies führt zur Box-Skulptur „I Was Thinking Of You“ (1975), in die sie – sensationell früh – ein Video integriert, welches ausschließlich ihr Gesicht in sexueller Erregung bis hin  zum Orgasmus zeigt. „Ich wollte einen Eindruck von etwas geben, das man, sagen wir einmal, die Seele nennen könnte, die im Moment des Orgas­mus für einen flüchtigen Augenblick über das Gesicht streift.“ (2008)

Nach der Trennung von Roth 1974, dem sie freundschaftlich verbunden bleibt, und über den Zwischenstop Südfrankreich, kommt sie 1976 mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin, wo sie seither lebt. 1984 studiert sie den tibetischen Buddhismus, und fortan werden ihre weiblichen Figuren spiritueller, mit einem kosmischen Hintergrund und mitunter wie eine Göttin riesig im Bildzentrum, weiterhin aber auch mit einem Partner, und immer mit offenen Geschlechtsteilen. Vergessen war Dorothy Iannone nie, aber erst seit ihrer Teilnahme an der Berlin Biennale 2005 rückt ihr Werk in den Fokus des Kunstbetriebes. Sie wird international zu Einzelausstellungen eingeladen und nimmt an einem Projekt 2014 in New York teil, wo sie die Freiheitsstatue als Figur, die ihre Weiblichkeit betont, monumental auf Gebäudefassaden malt; eine Träne fließt aus dem Auge. Ebenso wie die vergrößerten Laserkopien eines Teils der Tarot-Karten sind solche „Statues of Liberty“ nun im Kölnischen Kunstverein zu sehen: an den Wänden und als Cut-Outs im Raum. - Die USA haben gewählt, und in etlichen Karikaturen traut sich die Freiheitsstatue hinter einer Mauer oder unter einer Bettdecke wieder hervor – in Dorothy Iannones Beiträgen in Köln ist sie selbstbewusst und exquisit, wie ein Geschenk, das mit Hingabe verziert ist: eine Feier des Lebens.

The Köln Concert: Dorothy Iannone & Juliette Blightman
bis 31.1. im Kölnischen Kunstverein, Hahnenstraße 6, Di-So 11-18 Uhr und
durch die Schaufensterscheibe zu sehen

TH

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