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Porträtfoto: © Gabriele Blum

Dieter Blum

Himmel und Erde

Wirklich bekannt wurde Dieter Blum mit seinen Fotografien für die Marlboro-Werbung, die punktgenau einlösten, was von Auftraggeber und Publikum erwartet wurde. Für die Plakate inszenierte Blum die Cowboy-Modelle auf ihren Pferden. In einigen der Bilder treiben sie die Wildpferde vor sich her, sie treten als einzelne oder in der Gruppe auf, die Haut braungebrannt, der Blick fokussiert und entschlossen. Dann wieder sitzen sie nach getaner Arbeit am Lagerfeuer, nunmehr in der Silhouette und dem Hut erkennbar, der Vollmond steht riesig am glühend roten Abendhimmel. Natürlich sind das perfekte Klischees vom Wilden Westen, die hier geballt auftreten und gerade deshalb so faszinieren. Dass sie nicht mehr aus dem Kopf gehen, liegt auch daran, dass es richtig gute – komponierte und malerisch übersetzte – Bilder sind. Die Bewegungsunschärfe verschleift die Natur, davor heben sich die Cowboys umso mehr ab, gewinnen an Präsenz und Individualität. Schon wie die Farben der Kleidung aufeinander abgestimmt sind, wie Dieter Blum mit Hell und Dunkel und der Lichtsituation oder mit Nebelfeldern arbeitet und dabei Stimmungen erzeugt, sind Teile der Arbeit. Dass er dabei jedes Bild als einzelnes versteht und folglich jedes Mal ganz neu löst, belegt etwa sein Spektrum der Perspektive vom Gegenüber über das Panorama hin zur Vogelperspektive, aus der die rasende Herde zu sehen ist. Und Blum wechselt – nun ganz in seiner freien, künstlerischen Arbeit – vom queroblongen über das fast quadratische Format bis zum Hochformat. Blum hat die Fotografien für die Marlboro-Kampagne zwischen 1992 und 2004 in verschiedenen Staaten in den USA in Farbe aufgenommen, aber er hat einzelne Bilder auch – oder stattdessen – in Schwarz-Weiß abgezogen. In seinem Studio in der Wiesenstraße in Heerdt hängt das hochformatige, „klassische“ Farbporträt eines der Cowboys. Auf seinem Computer zeigt Dieter Blum dann die Version seiner autonomen Arbeit: Sie ist in Schwarz-Weiß.

Einzelne Motive funktionieren nur im riesengroßen Querformat. Zu sehen war das vor einigen Jahren in einer Ausstellung der Daimler Kunstsammlung in Berlin, die sich ganz den Marlboro-Cowboys von Dieter Blum widmete. Sie verdeutlichte, wie weit Blum das Thema geführt und variiert hat. Zugleich klärt sich dabei die Relevanz einzelner Aspekte für das gesamte Oeuvre. Das betrifft die Choreographie der Reiter und Pferde, ihre versetzte und doch im Zentrum konzentrierte Anordnung. Und es betrifft die Schilderung und Vermittlung von Geschwindigkeit, nicht allein in den gestreckten Pferdeleibern und vorgebeugten Köpfen der Reiter, sondern auch im Wurf des Lassos, das sich zwischen Himmel und Erde wie in Zeitlupe auszudehnen scheint ... Es verwundert nicht, dass Dieter Blum zu den herausragenden Tanz-Fotografen der letzten Jahrzehnte zählt. Seine Aufnahmen mit Ensembles und Tänzern des Modern Dance waren Gegen­­­stand eigener Ausstellungen und haben zu mehreren Buch­publikationen geführt. Gerade erst ist ein Werkverzeichnis des Tänzers und Choreographen Ismael Ivo erschienen: Dieter Blum ist darin einer von zwei Fotografen. Andere, reine Fotobücher mit ihm als Fotoautor widmen sich Vladimir Malakhov. Vergleicht man Blums Aufnahmen der beiden Tanz-Stars, so werden erst recht ihr Stil und ihre Charaktere sichtbar, aber auch was ihn bei diesem Sujet leitet. Seine Fotos zum Modern Dance wenden sich dem Körper zu: wie die Muskeln modelliert sind, was Präsenz, Schwere und Leichtigkeit für den Menschen bedeutet, wie sich Bewegung vollzieht, die er nun mitten im Sprung einfängt und zwar im leeren Bühnenraum mit seiner Lichtregie.

Eine Folge aus der Reihe der „Körperkathedralen“, die er um 2000 mit Mitgliedern des Stuttgarter Balletts überwiegend aus leichter Untersicht aufgenommen hat, zeigt einen einzelnen Tänzer beim Sprung in die Höhe und Weite, als würde er als Bündel physischer und psychischer Energie schweben. Eine andere Folge lässt eine Tänzerin und einen Tänzer in farbigem Licht aufeinander zufliegen und sich in der Begegnung vereinigen als Ausdruck der Schöpfung. Daneben sind, zu anderen Zeiten, völlig andere Bilder zum Tanz entstanden, etwa in Schwarz-Weiß das kleinformatige quadratische Doppelporträt von Malakhov und Christopher Hemmans (1994), das die beiden nackten Tänzer mit Blick zur Kamera hintereinander umschlungen vor einer mit Graffiti beschmierten rohen Wand zeigt. So sachlich die Fotografie zunächst scheint, so expressiv, voller Temperament und eben auch Intimität ist sie tatsächlich: Zu sehen ist sie derzeit in einer Ausstellung der Stiftung DKM in Duisburg.

Die Sensibilität und Variabilität, mit der Dieter Blum seine Fotografien konzipiert, aufwändig arrangiert und mit seinem Gespür für die richtige Sekunde aufgenommen hat, kennzeichnet sein gesamtes angewandtes und freies Schaffen. Sie hat ihn etwa für die fotografische Begleitung der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan als Dirigenten prädestiniert. Dazu erstmals Anfang der 1980er Jahre beauftragt, erfüllte Blum alle Erwartun­gen, indem er unerwartete Aufnahmen schuf. So zeigt ein Bild die Musiker in Japan beim Umkleiden für das Konzert zwischen Transport­kisten. Oder Herbert von Karajan sitzt auf einem Diwan, zurück gelehnt und da­durch ohne jede Körperspannung, vor ihm auf dem Boden Seiji Ozawa, im Gespräch aufblickend. Während Osawa das Foto liebte, gab es Karajans Mana­gement nicht für die Veröffent­lichung frei – sie sei Karajan zu menschlich ge­wesen, sagt Dieter Blum. Sie durfte nur retuschiert veröffentlicht werden: Die ätherische Ent­rückung als Ausdruck für die Unendlichkeit musste wiederhergestellt werden. Dass Kara­jans Stiftung später die ursprüngliche Fas­sung erwarb, gehört auch zur Ge­­schich­te. Sie unterstreicht, wie weit Blum hinter die Fassaden vordringt und Inneres, Wesentliches freilegt.

Blums Fotoreportagen sind im Stern, im Spiegel, Geo, dem Zeitmagazin, Time oder dem Leica-Fotografie-Magazin publiziert worden. Bei den Olympischen Spielen in München war er für die Reitspiele akkreditiert – also schon da: die Pferde – und schoss ein damals berühmtes Foto vom Sturz des Military-Favoriten am Wassergraben. Wiederholt hat er, teils in Zusam­menarbeit mit den Hilfsprojekten von Karlheinz Böhm, auf dem afrikanischen Konti­nent fotografiert, den er 1968 erstmals bereist hat. Er hat Künstler in ihrem Atelier fotografiert. Als Bundeskanzler hat ihn Gerhard Schröder um die fotografische Dokumentation gebeten, auch daraus ist ein Buch entstanden. Die Reportage-Reise, zu der er durch die Sowjetunion eingeladen worden war und sich aussuchen durfte, was er aufnehmen wollte, hat 2003 und 2004 zu Ausstellungen im Staatlichen Russi­schen Museum St. Petersburg und im Museum für Photographie in Moskau geführt.

Dieter Blum wurde 1936 in Esslingen, nahe bei Stuttgart geboren. Er erwähnt das Fotogeschäft des Onkels und die Kamera, die er sich gekauft hat und mit der er noch als Schüler nach Paris gereist ist. Aufgenommen hat er dort die Menschen auf der Straße in dezidierter Bewegungsunschärfe und eingebunden in die Rasterstrukturen ihrer Umgebung. Von da an ging es mit der Fotografie weiter, erst in Esslingen, wo er mit dem ansässigen Fotoclub erste Ausstellungen durchgeführt hat. Seit 1964 ist Dieter Blum freiberuflich als Fotograf und Fotojournalist tätig, seit den 1990er Jahren von Düsseldorf aus, wohin er umgezogen ist, weil von dort so viele Aufträge kamen.

Und dann zeigt er im Studio noch die Werke der letzten Zeit, die gänzlich frei sind. Die digitalen Bilder zur Serie „Coming Soon“, zu der 2011 ein Buch erschienen ist: Teils erkennbar, teils abstrakt aufgelöst in einem Gestöber aus Farbpixeln und Farbfetzen sind die Häupter, Gesichter junger Frauen beim sexuellen Höhepunkt zu sehen, in der einen einzigen Sekunde, die die Welt bedeutet. Weiterhin sind im letzten Jahr „Die blauen Pferde“ entstanden, bei denen Blum eine Marlboro-Probeaufnahme von 1992 digital malerisch in pudriges Lapislazuli gehüllt und im Format 2 x 3 m in einen 15 cm tiefen, geschliffenen Plexiglasblock eingefasst hat. Die Fotoskulptur, wie es Dieter Blum nennt, war ein Auftrag der Sammlung Werner Schneider, in deren Park in Neu-Ulm sie nun zu sehen ist: Die Marlboro-Serie ist nach wie vor – nun aber als Zitat zu Franz Marc – sehr gefragt.

Dieter Blum ist beteiligt bei:
EROS in Erwartung der Ewigkeit, bis 25. September im Museum DKM,
Güntherstr. 13-15, 47051 Duisburg, www.museum-dkm.de

TH

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