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David Rabinowitch
Porträtfoto: Heiner Thiel, Wiesbaden

David Rabinowitch

Sehen Können

David Rabinowitch, der kanadische Bildhauer und Zeichner, ist unglaublich nett und euphorisch, er kann von einer Sekunde auf die nächste aufbrausen, grollend über ein Jahrzehnte zurückliegendes Ereignis, das für ihn nach wir vor Aktualität besitzt, und ist sofort wieder sachlich, geduldig beim Gespräch in seiner Wiesbadener Ausstellung. Äußerst präzise ist sein Reden über die eigene Arbeit. Die Antworten sind bestimmt: Nein, eine Werkentwicklung – die Unterscheidung in alte und neue Arbeiten – lehnt Rabinowitch (abgesehen vom frühen Werk) ab. Das hat neben der inhaltlichen Konstanz auch damit zu tun, dass seine Bodenskulpturen, die er zunächst als exakte zeichnerische Schablonen anfertigt, mitunter erst nach Jahr­zehnten realisiert werden können, wie jetzt für die Ausstellung im Museum Wiesbaden. Bestimmt spielt auch seine Arbeits­weise eine Rolle, die Rabinowitch als spontan bezeichnet und die mit seiner intensiven Reisetätigkeit zusammenhängt, wechselnd zwischen verschieden Wohnorten – Hauptwohnsitz ist seit 1972 New York, auch in Wiesbaden hat er seit Jahrzehnten eine Unterkunft – und den Plätzen seiner Ausstellungen. Ebenso wie die Mathematik spielt die Philosophie in seine künstlerische Arbeit hinein. Ja, die Philosophie sei ihm sehr wich­­tig. Und nach einer kurzen Pause: „But I am not a conceptual artist.“

Bekannt wurde David Rabinowitch mit seinen teils mehrere Meter großen, warm gewalzten Stahlskulpturen, die mit geringer Höhe plan auf dem Boden liegen und über ovale, runde oder vieleckige Außenformen verfügen. Ihre Struktur basiert auf ihrer Mehrteiligkeit. Die durch klare Schnitte getrennten, kantigen oder gebogenen, stets unterschiedlichen Partien schließen sich zur Einheit zusammen oder sie öffnen sich, nur wenig verbunden, in den Raum hinein. Mitunter sind einzelne Partien noch mit deutlichen Bohrlöchern versehen, die aufeinander folgen.
Die Teilungen, die noch wie zeichnerische Linien empfunden werden können, ermöglichen innerhalb der Vielzahl an formalen Motiven die systematische Wahrnehmung: Jede Partie kann für sich gesehen und in diesem sukzessiven Vollzug visuell „begriffen“ werden. Dabei illustrieren oder repräsentieren die Skulpturen nichts, es gibt nichts, woran sie erinnern könnten, auch wenn sie im Titel die Architektur romanischer Kir­chen ansprechen oder die Hommage an einen Musiker, Philosophen oder Mathematiker enthalten. Sie besitzen die größtmögliche Nüchternheit, unterstrichen noch durch ihre Materialität, nichts ist verdeckt oder besonders gewichtet, alles liegt offen da, in einer Weise der (räumlichen und formalen) Distanz, die noch der Überschaubarkeit dient. Und dann setzt das Vergleichen, Zuordnen der Formen und Strukturen untereinander ein. „Nicht was er [der Betrachter] sieht, ist dramatisch und von Spannung erfüllt, sondern die Art, wie sein Sehen herausgefordert und geführt wird“, schreibt Erich Franz im Katalog zur Wiesbadener Ausstellung. David Rabinowitch hat schon 1978 in seinen „Vorläufigen Anmerkungen. Romanische Skulpturen“ notiert: „In der Kunst ist die Rolle des Betrachters nicht die eines Forschers nach Motiven, die einer bewusst aufgebauten Welt zugrundeliegen, sondern eher die Rolle eines Entdeckers von Strukturen seines eigenen Urteils­vermögens innerhalb einer Welt, die er als extern und als ein vollständig erreichtes Streben erlebt.“ (A8, zit. Kat. Düsseldorf 1987)

David Rabinowitch wurde 1943 in Toronto geboren. Er hat als Jugendlicher philosophische Texte (Spi­noza, Kant, Hume) gelesen und sich ein Atelier für Malerei eingerichtet. Mit 17 Jahren entdeckt er die Skulptur von David Smith für sich. Aber er studiert in Ontorio Naturwissenschaften und englische Literatur. Seine erste Einzelausstellung hat er 1968, seine erste in Deutschland 1972, bei Rolf Ricke in Köln. Zur Vorbereitung reist er im Herbst 1971 ins Rheinland, wo er sich für die romanischen Kirchen begeistert und Parallelen zu seiner Konzeption sieht, einzelne Teilstücke zu einer einmaligen Ganz­heit zu verbinden.

Die daraufhin entstehenden „Metrical (Romanesque) Constructions“ zählen mit zu seinen in Deutschland bekanntesten Werkgrup­pen, wobei sein Werk hierzulande seit seinen Anfängen umfassend rezipiert wird. Schon 1975 hat er im Museum Wiesbaden eine Ausstellung, ge­­mein­­sam übrigens mit Klaus Rinke. 1977, 1982 und 1987 wird er zur documenta eingeladen; eine Ausstellungstournee macht 1988 Station im Kunst­museum Düsseldorf. Das macht in diesen Jahren zusätzlich Sinn: Denn an der Düssel­dorfer Kunst­akademie lehrt David Rabinowitch ab 1984 – und bis 2007 – als Professor für Bildhauerei.

Vor eineinhalb Jahren fand im Museum Kunstpalast eine Präsentation seiner „Church Drawings“ statt, seiner (autonomen) Zeichnungen zu den romanischen Kirchen Kölns und des Rheinlandes. 1973-78 in den verschiedenen Schwarztönen von Zeichen­kohle und Wachskreide angefertigt, beließ sie Rabinowitch nach der Ausstellung in Düsseldorf: als Ergänzung zum Bestand der Stiftung Sammlung Kemp im Museum Kunstpalast.

Die aktuelle Ausstellung im Museum Wiesbaden nun zeigt ganz frühe Skulpturen und Zeichnungen, darunter die „Tool-handle Constructions“ (1965): breite, ca. 1 m lange Holzstäbe, die vertikal an der Wand hängen und mit Folgen gedrillter Löcher Proportionsverhältnisse schaffen. Ausgestellt ist aber auch eine große flache Skulptur, die David Rabinowitch dem Mathematiker und Physiker Hermann Minkowski gewidmet hat, der um 1900 eine Geometrie der Zahlen entwickelt und später zum Verhältnis von Zeit und Raum geforscht hat. Platziert innerhalb des Sammlungsflügels, umgeben von vier Werken des Minimal Künstlers Donald Judd, mit dem Rabinowitchs befreundet war, wird das Bezugssystem dieser Bodenskulptur immer komplexer, zumal diese zur Bewegung und ihrer Umrundung auffordert – und dann ist doch wieder alles wie selbstverständlich, substanziell klar und mit der größten Freiheit für den Betrachter, der nur nach und nach schauen muss.

David Rabinowitch
The Construction of Vision.
Arbeiten auf Papier und ausgewählte Skulpturen 1964-75
bis 16. Juli im Museum Wiesbaden, www.museum-wiesbaden.de

TH

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