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Porträtfoto: © Katja Illner

Arpad Dobriban

Vom Kochen und von der Natur

Arpad Dobridan führt – als wesentlicher, aber nicht ausschließlicher Teil seiner künstlerischen Arbeit – Koch-Veranstaltungen durch. Diese finden im Kontext kultureller Institute und Projekte statt. Er serviert den angemeldeten, eingeladenen Gästen in mehreren, aber nicht zu vielen Gängen Speisen, die er selbst vorbereitet, zubereitet und gekocht hat mit Zutaten, die er möglichst selbst hergestellt hat. Meist sind es einfache Gerichte, darunter auch solche, die man noch nicht kennt – etwa weil sie aus einer anderen Kultur stammen – und deren Geschmack folglich eine neue Erfahrung mit sich bringt. Oder ein vermeintlich bekanntes Gericht entfaltet nun, außerhalb der industriell vorgefertigten Konventionen zubereitet, seinen wahren Reichtum an Geschmack. Dobriban geht es um Sorgsamkeit, einen genauen, respektvollen Umgang mit den Nahrungsmitteln, der ihre Transformation aus der Natur – auch die der Tiere – hin zur genießbaren Speise nachvollziehbar und sein Handeln bewusst werden lässt. Er praktiziert einen erweiterten Begriff von Kunst, der mit sozialer Interaktion verbunden ist, aber doch auf das Eigentliche von Kunst und Kultur zurückführt: auf die sinnliche Erfahrung und deren Aktivierung. Das passiert, mit der richtigen Temperatur, über das Schmecken und zuvor schon über das Sehen und das Riechen: den Geruch, der verströmt und den man einatmet, und auch wenn er nicht sichtbar sei, so liefere er doch den ersten Eindruck, erfülle den Körper und sei Teil des Erlebens. Er bereitet für die Nahrungsaufnahme vor.

Arpad Dobribans Bankette sind in ihrem Ablauf, in der Folge der Gerichte bedacht. Dazu gehört, dass er vor jedem Gang zu den Speisen referiert und diese bewusst werden lässt – er spricht von der „Kommentierten Speisefolge“ –, manchmal auch später. Ansonsten steht er die meiste Zeit in der Küche, dort unterstützt von Künstlern und Künstlerinnen, mit denen er seit langem zusammenarbeitet. Er verwendet frische Speisen, nichts davon ist aufbereitet. Er vermeidet Zusatzstoffe. Dazu ist er immer auf der Suche nach weiteren Naturprodukten und Nahrungsmitteln. Er lagert verschiedene Zitrusfrüchte ein, lässt sie in seiner Werkstatt kosten und er weist darauf, wie die industrielle Mas­sen­produktion die Spei­­­sen ruiniere.

Arpad Dobriban wurde 1957 in Komlo in Ungarn geboren. Er hat zu­nächst an der HBK in Berlin beim Bildhauer und Fotokünstler Shinkichi Tajiri studiert, ist dann an die Düsseldorfer Kunstakademie zum Videokünstler Nam June Paik gewechselt und hat als Gast bei Peter Kubelka in dessen „Klasse für Film und Kochen als Kunstgattung“ an der Städelschule in Frankfurt studiert. - Als Kunstform habe Kochen noch heute einen schweren Stand, sagt Arpad Dobriban, der mittlerweile selbst an Kunstakademien unterrichtet. Aber von den Studenten werde es verstanden. Längst ist er Teil einer Bewegung in der Kunst, etwa mit Rirkrit Tiravanija oder Matthew Ngui, aber schon allein an diesen beiden Beispielen zeigt sich, wie weit sich das Thema auffächern lässt und kulturelle Aspekte in den Vordergrund treten lässt. Darum geht es Dobriban nicht. Zudem erweitert und flankiert er diese Kunstform und arbeitet dazu mit Fotografie, Film und Skulptur. Seine Website nennt er „Geschmacksarchiv“. Die Recherche, das Sam­meln ist Teil seiner Arbeit, das betrifft die Natur und die Nahrungsmittel an verschiedenen Orten der Welt und wie mit ihnen dort und in der weiteren Verarbeitung umgegangen wird, beginnend schon mit der Auswahl des Saatgutes. 2007 hat er eine Arbeit in Mannheim entwickelt aus Interviews, in denen er einzelne Personen nach Speisen und den Erinnerungen daran befragt, mit ihnen gekocht und so Individualität und kollektive Erfahrungen ausgelotet hat – mit der Erkenntnis, dass die Vorstellung einer regionalen Küche fragwürdig und durch die einer biographischen zu ersetzen sei. Seine differenzierende Recherche setzt sich andererseits noch fort im Zusammentragen von getrockneten Sauermilchprodukten, die in den verschiedenen Ländern unterschiedlich geschätzt werden, dabei verschiedene Formen und unterschiedliche Weißtöne erhalten. Er bewahrt sie in verschlossenen Glas­behältern auf, welche auch Ausstellungsobjekte sind. Er erhält die Speisen von Freunden und Bekannten aus der ganzen Welt und ist selber zur rechten Zeit am rechten Ort im Elsass oder in Ungarn, um die kurze Erntezeit wahrzunehmen, bevor das Obst und die Früchte matschig werden und an Geschmack – und ihrer farblichen Tönung – verlieren. Seine Vorgehensweisen implizieren die Frage, wie wir uns im Allgemeinen ernähren und wo die Bestandteile des Essens angesichts des Bevöl­kerungswachstums herkommen, was heimisch und was fremd ist. Arpad Dobriban berichtet vom Japanischen Staudenknöterich, der als invasive Pflanze nach Europa eingeschleppt wurde und sich so exzessiv ausbreitet und wächst, dass die Gewächse darunter absterben, weswegen er bekämpft, ausgerottet wird – und das, ergänzt Arpad Dobriban, obwohl er selbst äußerst schmackhaft ist.

Seit Ende der 1990er Jahre hat er einen Truck, mit dem er auch draußen kochen kann, etwa auf der Raketenstation bei Neuss. Oder er arbeitet mit vorhandenen Küchen wie in K21 in der Pardo Bar 2016/17 als Veranstaltung über vier Monate, also mit der Lauf­zeit einer Ausstellung. Dazu hat er vier Vorträge angeboten, die weitere Aspekte seiner künstlerischen Arbeit fokussierten: „Available Food – über den Umgang mit dem, was man hat“; „Das lange und kurze Warten in der Küche – über den Umgang mit der Zeit“; „Wachstum und Mitgefühl“; „Innige Verbindung und tiefe Verbundenheit“. Erinnerung funktioniert über das Riechen und Schmecken.

Anknüpfend an eine Arbeit aus dem letzten Jahr im Gasthaus Worringer Platz, zeigt er nun in einem Treibhaus in Volmerswerth eine filmische Arbeit, bei der die Kamera langsam und teils mit Standbildern, dazu infolge der Projektion leicht unscharf und ohne Ton schier endlose, durch Planen verborgene Hallen entlang schweift. Ort ist eine sonnenbeschienene karge, menschenleere Landschaft, von der man nicht viel sieht, da die Kamera nahe an die Planen herangeht: Es handelt sich um die Küsten­region El Ejido in Südspanien, wo mit 90.000 Erntehelfern überwiegend aus Nordafrika der weltweit größte Gemüseanbau unter Plastikfolie betrieben wird. Dobriban schildert eine fremdartige, von Plastik und Anonymität beherrschte Welt, die gar nichts mehr mit unserem Leben zu tun hat und von diesem vollständig abgekoppelt ist. Der Kreislauf des Lebens scheint hier völlig aus dem Ruder gelaufen: Die Fragen, um es dabei und überhaupt in Dobribans Werk geht, sind gleich in mehrere Richtungen existenziell.

Arpad Dobriban ist beteiligt bei:
HOWTO: USE NATURE, bis 16. Oktober im Treibhaus der ehem. Gärtnerei Mertens, Allmendenweg 44, 40221 Düsseldorf, Fr.-So. 13-18 Uhr.

„Allmähliche Übernahme“: Vortrag mit Kostproben am 2.10.2022, Teilnahme nach Anmeldung: www.geschmacksarchiv.de

TH

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