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Wachsen, wachsen, wachsen. Schepper, krach, bumm.

Die biograph Ouvertüre Oktober 2017

Wir müssen wachsen. Wachstum ist wichtig. Nicht nur für Säuglinge. Auch für die Wirtschaft. Alles muss wachsen. Immer mehr ist gut. Weniger ist eine Katastrophe und löst zuverlässig das Geheul der Wachstumsgläubigen aus.
Auch mein Körper hat das mit dem Zwang zum Wachstum gehört. Ich verdächtige ihn schon länger, gegen meinen Willen heimlich FDP-Mitglied zu sein. Leider interpretiert er den Lindnerschen Imperativ aber völlig falsch und wächst in Richtungen, die es mir schwer machen, meinen Gürtel locker zu befestigen. Mein Leib ersetzt Höhe durch Breite, und dort, wo einst ein lockiger Haarschopf mein liebliches Antlitz umrahmte, öffnet sich jetzt ein an die Wüste Gobi erinnerndes Landschaftsbild, während sich in meiner Nase und in meinen Ohren Haare zeigen, die sich, würde ich sie nicht permanent mit allen Mitteln bekämpfen, wahrscheinlich längst zu einem Wald von der Größe des Saarlandes entwickelt hätten. Manchmal denke ich, dass mein Körper ein Gegengewicht zu den viel beklagten Regenwaldrodungen setzen will. Was am Amazonas weichen muss, findet Asyl in den Höhlungen meiner kahlen Gesichtslandschaft.
Aber ich will ja nicht klagen über meine persönliche Befindlichkeit. Ich will lieber den Glauben der Wachstumswilligen in seinen Grundfesten erschüttern. Schon lange hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass das nicht gut gehen kann mit dem ewigen Wachstum, dass Ressourcen endlich sind und ein „immer mehr“ zu nichts führt außer einem riesigen Kahlschlag auf dieser Erde, die am Ende aussieht wie meine Schädelplatte – öde und leer.
Ich habe nun endlich auch ein schönes Beispiel gefunden und kann zeigen, wie der Wachstumsglaube schön an sich selbst scheitert. Ich fand dieses Beispiel in den Berichten vom Düsseldorfer Flughafen. Der Düsseldorfer Flughafen ist, wir erinnern uns, jene städtische Tochter, die vor allem dadurch auffällt, dass sie immer wachsen will. Mehr Starts, mehr Landungen, mehr Passagiere, mehr Krach werden gefordert und Zahlen ohne ein dickes Plus davor einfach nicht akzeptiert. Im Prinzip ist der Flughafen ein großes Monster, das immerzu fressen will, um größer zu werden. Wachsen, wachsen, wachsen, hääääää, grrrrrrr...

Nun aber ist dieses Monstrum gelähmt, denn es gibt am Flughafen Schlangen. Gut, es gab schon immer Schlangen am Flughafen. Eine vor dem Einchecken, eine vor der Sicherheitsschleuse, eine am Gate und dann noch eine im Finger, der zum Flieger führt. Die meisten konnte man mit ein bisschen Geduld ertragen, auch wenn ich mich oft fragte, wie ich das zusammen bringen soll, also diese hochmodernen Fluggeräte mit ihren computergesteuerten Präzisionsabläufen und dieses an Nachkriegszeiten erinnernde Stehen in der Schlange. Für mich passte da etwas nicht zusammen, aber ich hatte gelernt, es hinzunehmen.
Und nun passt es noch weniger zusammen. Man wird der Schlangen nicht mehr Herr am Flughafen. Irgendwer in diesem komplexen Organisationszusammenhang hat versagt, denn die Schlangen vor den Sicherheitsschleusen sind inzwischen so lang, dass immer wieder Menschen ihr Flugzeug verpassen, obwohl sie rechtzeitig angereist sind.
Plötzlich wird vielen deutlich, dass es mit der inneren Logik von Flugreisen, die ja inzwischen weniger kosten als die Taxifahrt zum Flughafen, nicht weit her sein kann, wenn man demnächst zweieinhalb Stunden in der Schlange steht, um in 50 Minuten nach Berlin zu fliegen und dort dann eine geschlagene Stunde auf den Koffer zu warten.

Sogar unser Oberradler aus dem Rathaus, der ansonsten darauf spezialisiert ist, Millionen für zweifelhafte Events zu verpulvern und sich nachher wider besseres Wissen die Einkünfte schönzurechnen, hat etwas mitbekommen von den Schlangen. Weil er selbst mal drinstand. Wie das so seine Art ist, hat er gesagt, dass das dringend mal geändert werden müsse.
Merke: Ein Problem wird erst dann ein richtiges, wenn auch der OB, der ansonsten damit ausgelastet ist, der Düsseldorfer Kultur durch trottelige Aktionen zu schaden, etwas mitbekommt.

Aber ich wollte ja gar nicht schon wieder auf dem Uperburgermaster herumhacken. Das ist mir zu traurig und zu fruchtlos. Wenn ich das zu lange tue, fange ich an, mich nach Joachim Erwin zu sehnen. Der hatte auch keinen Stil, aber manches von dem, was er angestoßen hat, war wenigstens ertragreich.
Kurz gesagt: Die Schlangen bilden sich, weil es zu wenig Personal an den Sicherheitsschleusen gibt. Die Sicherheitsfirma trägt Schuld, sagt die Bundespolizei, und die Sicherheitsfirma sagt, dass die Bundespolizei schuld sei. Der Flughafen nimmt beide in Haftung, während der OB schon überlegt, die Lage mit der Ansetzung eines Radsportevents lösen zu können. Jeder zeigt auf jeden und es ändert sich? Nichts!

Kein anderer Flughafen in Deutschland hat derartig massive Probleme. Überall sonst kriegt man es hin. Nur in Düsseldorf nicht. Hier erstickt gerade das Monster Wachstum an seinem eigenen Drang zum immer mehr. Hier ist der Glaube an ewiges Wachstum mit Anlauf vor die Wand gefahren. Schepper, krach, bumm.

Hans Hoff

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