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Stumpf ist Trumpf – besser nicht

Die biograph Ouverture Juli 2017

Ich bin Gefangener. Gefangen im Jahre 2017. Gefangen in Verhältnissen, die vorgeben, unveränderbar zu sein. Alternativlos quasi. Es wäre Zeit für eine kleine Revolution. Aber was tue ich stattdessen? Ich halte aus. Ich nehme hin. Weil ich mich gewöhnt habe, weil ich gelernt habe, Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann. Wir alle ertragen Dinge, die wir nicht ändern können. Täglich.

Anders kann ich mir nicht erklären, warum so viele Menschen sich immer wieder der komplett entwürdigenden Prozedur eines Fluges unterziehen. Man zahlt dafür, dass man schlecht behandelt wird. Man zahlt dafür, dass man sich halb nackt machen muss, dass man abgetastet und als möglicher Terrorist behandelt wird. Man steht klaglos in der Schlange vor irgendwelchen Schaltern und danach in irgendwelchen überhitzten Gängen, um ins Flugzeug zu gelangen. Danach zwängt man sich auf einen Sitz und verharrt dort wie Schlachtvieh, das es nicht besser weiß. Für Stunden ist man all seiner Rechte beraubt, darf sich bloß nicht zu laut beschweren. Ich komme mir in solchen Situationen immer vor als sei ich Teil eines Gefangenentransports. Andere empfinden ähnlich wie ich. Warum sollten sie sonst so hektisch von ihren Sitzen fliehen, sobald das Flugzeug seine Parkposition erreicht hat? Sie verharren in den ulkigsten Positionen, nur um als erster die Röhre verlassen zu dürfen. Um es kurz zu sagen: Fliegen ist inzwischen die unwürdigste Art zu reisen.

Trotzdem fliegen alle weiter. Ich auch. Weil es billig ist. Weil man ja schnell von A nach B will. Man zahlt sogar dafür, dass man im Flugzeug besser behandelt wird als die anderen Gefangenen im Transport. Die Fluggesellschaften haben inzwischen ein System daraus gemacht. Sie nehmen dem Fluggast alle Rechte, um ihn danach einzelne dieser Rechte für teuer Geld wieder zuzugestehen. Warum tun wir das? Warum tun wir uns das an?

Weil wir uns daran gewöhnt haben. Weil es in der Bahn ja auch nicht besser ist und dazu noch länger dauert, Verspätungen mal gar nicht eingerechnet. Auch dort werden wir kaserniert in einer Röhre und dürfen dankbar sein, für viel Geld schlecht behandelt zu werden.

Die Zeiten, da der Kunde König war, sind lange schon vorbei. Wir sind begehrt, so lange wir noch nicht Kunde sind. Da sind alle freundlich zu uns. Da behandeln uns Verkäufer wie höhere Wesen. Doch wehe, wenn wir so blöd sind und einen Vertrag, sagen wir mal mit einer Mobilfunkfirma, abschließen. Dann werden wir augenblicklich degradiert zu nichtsnutzigen Belästigern, die man bei Beschwerden erst einmal in den AGB-Dschungel schickt und nachher als unliebsame Stalker in irgendwelchen Hotlines röstet bis zur Willenlosigkeit.

Dabei sind jene Firmen, die eine Hotline anbieten, ja schon die besseren. Die meisten sind doch direkt nach Vertragsabschluss nicht mehr zu erreichen für den Kunden. Der kann Mails schreiben, Faxe senden und sich die Finger wund wählen, es wird ihm nichts nützen. Er ist Gefangener eines Systems, in das man leicht reinkommt, das man in der Regel aber nur noch mit den Füßen voran oder nach erheblichem bürokratischem Stress verlässt.

Wie gehen wir damit um? Wir ertragen, wir halten aus, wir nehmen hin. Dass Facebook und Apple und Google unsere ganz intimen Daten auf dem Weltmarkt verhökern, nehmen wir hin. Dass wir bei Konzerten wie potentielle Schwerverbrecher behandelt werden, nehmen wir hin. Dass im Mittelmeer täglich Menschen ertrinken, nehmen wir hin. Dass wir ständig unverlangt nach Kundenkarten gefragt werden, nehmen wir hin. Dass unser Smartphone mehr kann als wir wissen, nehmen wir hin. Dass wir nicht wissen, welche Bilder die Webcam an unserem Notebook gerade in die Welt schickt, nehmen wir hin. Diese Aufzählung nehmen wir hin.

Und? Einfach so weitergelesen? Nicht erschrocken? Da stand was von Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Die meisten werden das mit derselben Gleichmut ertragen haben wie sie sonst die Einschränkungen ihrer Konsumentenrechte in Kauf nehmen. Sie lesen darüber hinweg. Einfach so. Weil wir es gewöhnt sind. Wir stumpfen ab. Wir lesen von Hunderten von Toten und zucken nur mit den Achseln, wenn wir danach gefragt werden. Wie abgestumpft sind wir eigentlich?

Könnten wir bitteschön wieder anfangen, uns aufzuregen? Täglich? Über himmelschreiendes Unrecht, das in den Nachrichten allenfalls noch eine nachrangige Meldung ist, das in Zeitungen ganz nach unten rutscht. Flüchtlinge? Ertrunken? Oder erschossen von der libyschen Küstenwache, die bezahlt wird von Brüsseler Bürokraten. In unserem Auftrag quasi. Tja, kann man nichts machen, denken wir da.

Wenn wir so etwas merken, sollten wir uns erschrecken. Über uns selbst. Wir kommen nicht weiter, wenn wir alles hinnehmen und am Ende wieder jene wählen, die mit Skrupellosigkeit ihr politisches Geschäft an jeder beliebigen Straßenecke verrichten.

Und während wir versuchen, wieder wach zu werden und wach zu bleiben, ändern wir auch unser Konsumverhalten, das so sehr zu unserer Abstumpfung beigetragen hat. Ich habe da schon einen Anfang gewagt. Ich war in einer echten Buchhandlung in Bilk. Ich wurde freundlich und kundig beraten. Man nahm sich Zeit für mich. Und als ich später ein Buch umtauschen wollte, ging das ganz ohne Murren, ganz unkompliziert. So unkompliziert und nett, dass ich mich geschämt habe, jemals irgendwo Onlinekunde gewesen zu sein.

Hans Hoff

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