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Raus aus Facebook, rein in die Stadt

Die biograph Ouvertüre September 2018

In was für einer Stadt wollen wir eigentlich leben? Wie soll die Gemeinschaft aussehen, mit der wir uns identifizieren? Was soll sie ausstrahlen? Wofür soll sie stehen? Und was tragen wir selbst zum Gelingen bei?
Fünf Fragen, für deren Beantwortung eigentlich ein bisschen Zeit übrig sein sollte, bevor alle in den Vorweihnachtsstress starten. Ja, ich weiß, die Lebkuchen und die Marzipankartoffeln sind schon da. Warum? Weil es immer welche gibt, die sie erwerben. Kein Rewe, kein Edeka, kein Netto würde sie in seine Regale packen, wenn sie nicht für Umsatz stünden. Es sind vielleicht nicht viele, die da kaufen, aber sie kaufen genug, dass es sich für die Händler lohnt. Man kann sich darüber empören, man kann es aber auch einfach lassen und sich wichtigeren Dingen zuwenden.
Zum Beispiel der Tatsache, dass wir das Internet verloren haben. Es war als ein schöner Ort gedacht, an dem Demokratie gelebte Wirklichkeit werden sollte. Jeder durfte mitmachen, jeder durfte sich äußern, aber nun ist das Terrain, das es eigentlich einzunehmen galt, schon verloren. Verloren an eine Horde dumpfbackiger Nichtsnutze, die der Frustration übers eigene Versagen lautstark Ausdruck geben in Kommentaren, die nicht selten irgendeine Gruppe an den Pranger stellen, eine Gruppe, mit der die Versager nichts anfangen können, die sie als Sündenböcke missbrauchen. Ob es Vertriebene sind, Obdachlose, Muslime, Frauen, Schwule, Helfer, Linke, es gibt immer welche, denen man die Schuld zuschustern kann. Und jene, die gerade im Netz besonders umtriebig sind, beherrschen die Gesetze der asozialen Kommunikation besonders gut, leider besser als alle anderen. Sie kommentieren alle guten Ansätze Wohlmeinender in Blitzeseile in Grund und Boden. Wer differenziert argumentieren möchte, sieht sich rasch umringt von digitalen Brüllaffen.
Das hat viel zu tun mit der Kommerzialisierung der veröffentlichten Meinung. Noch vor 20 Jahren ließ sich von Zeitungen eine Schar mehr oder minder seriöser Leser in Profit verwandeln. Man konnte sich als Verlag zurücklehnen und dem Geld beim Hereinfließen zuschauen. Nach dem digitalen Wandel aber sind die seriösen Leser nicht mehr zu fassen oder bringen schlicht zu wenig Geld ein. Stattdessen setzt man auf Klicks im Netz. Jeder Klick ein Cent oder ein Bruchteil davon. Das klingt wenig, aber es läppert sich in der Masse.
Und Masse schaffen wundersamer Weise gerade die Dumpfbacken, weil sie längst die vernünftigen Menschen aus jenen Räumen vertrieben haben, in denen sich eigentlich Raum für Konversation erhofft hatten. Die aber findet nicht mehr dort statt, wo all die AfD-Fans, Sarrazin-Hools, Rainer-Wendt-Adepten, Boris-Palmer-Verehrer, das Lumpenpack von der „Bild“ und sonstige schlammbraune Matschhirne mit Verschwörungstheorieüberhang das Destillat ihrer Synapsenverarmung ausschütten und sich am laufenden Band gegenseitig bestätigen. Im Prinzip müsste man ihnen ein Kompliment aussprechen für ihre unabgesprochene Einigkeit und Schlagkraft. Niemand lenkt sie zentral, sie spüren von selbst, was der dunklen Macht dient, und das führen sie dann hemmungslos aus. Kostet ja nur ein paar Klicks, ein paar Tastendrücker. Im Prinzip sind sie islamistischen Selbstmordattentätern, die im vermeintlichen Geist einer größeren Bewegung zu handeln glauben, nicht unähnlich.

Facebook spielt dabei eine wichtige Rolle. Facebook ist komplett verseucht, verbranntes Land. Das hat nicht nur mit dem Datenhunger des Konzerns zu tun, die Diagnose begründet sich auf dem Umstand, dass Facebook nicht mehr zu retten ist. Die Annahme, man könne dieses System retten, indem man es mit gutem Willen flutet und die wenigen verbliebenen Guten nicht allein lässt mit all den Arschlöchern, hat sich als naiv erwiesen. Es funktioniert nicht. Facebook ist verloren. Vorbei. Wer sich heute noch bei Facebook vernetzt, spielt das braune Spiel mit, denn er lädt die Untaten der braunen Schreihälse mit der Bedeutung der Nutzermasse auf.
Es sollte künftig andere Wege geben, sich zu vernetzen. Auch Gespräche kommen wieder in Frage. Also Gespräche, bei denen man sich Sachen ins Gesicht sagt, die sich nicht darin erschöpfen, dass man sich pausenlos die neuesten Videos und die frischesten Apps zeigt. Menschen, die sich gegenseitig ihre Smartphones vors Gesicht halten, begründen keinen Dialog. Man muss sich schon mehr mitzuteilen haben, als nur das aktuelle Update seines Betriebssystems.
Das wirkt sich auch auf die Frage aus, in was für einer Stadt wir leben wollen. Wir entscheiden selbst, wer wir sind, und wir können etwas bewirken. Wir werden keinen Schreihals bei Facebook umstimmen, aber bei den Menschen, die uns an der Rheinuferpromenade oder im Café gegenübersitzen, können wir möglicherweise etwas bewirken. Wir können die Welt ein bisschen besser machen. Im ganz Kleinen. Aber aus dem ganz Kleinen kann etwas Großes werden, etwas Gutes, etwas, das uns beschwingt ins Morgen trägt und den Kindern nicht eine riesige Trümmerlandschaft hinterlässt.
Packen wir es an. Die Hitze ist vorüber, es herrschen wieder die üblichen nordeuropäischen Temperaturen. Die sind wir gewöhnt. Die lassen uns funktionieren. Und wenn wir es nicht für die Stadt tun, dann für uns selbst. Es lohnt sich.

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