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Eugen Gomringer
Porträtfoto: courtesy Nimbus Verlag, Wädenswil bei Zürich

Eugen Gomringer

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Eine Debatte zum Anlass nehmen, aber nicht das Eigentliche vergessen. Das seit 2011 an der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf großflächig aufgeschriebene Konkrete Gedicht „AVENIDAS“ von Eugen Gomringer soll im Rahmen einer Sanierung entfernt und durch einen Text einer anderen Lyrikerin ersetzt werden. Anlass ist die Behauptung des AStA der pädagogischen Hochschule, Gomringers Gedicht bringe patriarchalische Strukturen auf bedrohliche Weise zum Ausdruck. Die „Konstellation“ des in Bolivien geborenen schweizerischen Autors ist 1953 entstanden. Sie besteht, in wechselnder zeiliger Zusammenstellung, aus insgesamt sechs verschiedenen, teils wiederkehrenden Worten in Spanisch (Alleen – und – Blumen – Frauen – ein – Bewunderer), die auch im Zusammenspiel nichts Ver­dächtiges haben. Eugen Gomringer selbst hat neben dem Kontext der Entstehung und dem mitschwingenden Klang die typografischen Phänomene hervorgehoben: Es geht um respektvolle Gleichwertigkeit, die das verzweigende „y“ („und“) noch sichtbar macht.

Die AStA-Vorwürfe an das Gedicht zum einen, zum anderen seine engagierte Verteidigung etwa durch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die die Entfernung des Textes als „erschreckenden Akt der Kulturbarbarei“ bezeichnet, und die Präsidentin des P.E.N.-Zentrums Deutschland Regula Venske, die von „barbarischem Schwachsinn“ spricht, sind im Internet dokumentiert. Als Gegenreaktion wurden zudem Texte (vor allem „AVENIDAS“) von Eugen Gomringer in Berlin an die Fassaden am Max-Liebermann-Haus, an der Akademie der Künste am Pariser Platz und als Laufband am Axel-Springer-Hochhaus angebracht, auch an der Außenwand des städtischen Museums Rehau in Oberfranken, wo Eugen Gomringer lebt und ein Kunsthaus für die Konkrete Poesie etabliert hat. Und seit Ende März steht fest, dass das Gedicht, das ungewollt so hohe Wellen schlägt und in Hellersdorf eben auch geliebt wird, an einer Fassade der Wohnge­nossen­schaft Grüne Mitte e.G. zu lesen sein wird, also dem Stadtteil erhalten bleibt.

Auch gibt es die leisen beharrlichen Proteste für das Gedicht, etwa die Aufkleber mit „AVENIDAS“, die Nora Gomringer – die Tochter, die ebenfalls renommierte Schriftstellerin ist – überall auf ihren Reisen verteilt. Oder die Schaufensterscheibe der Literaturhandlung Müller & Böhm im Heine Haus in Düsseldorf, in der „AVENIDAS“ auf einem DIN A4-Blatt zu lesen ist. In der unruhigen, rauen Altstadt durchaus unbequem zu studieren und selbst geschützt hinter der Glasscheibe, erschließt sich erst recht die sanfte, sozusagen demutsvolle Konzentriertheit des Sprachbildes, das frei von jeder Banalität oder Geschwätzigkeit ist.

Eugen Gomringer und Düsseldorf. Er hat von 1977 bis 1990 als Professor für die Theorie der Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf gelehrt. Gomringer ist eine Koryphäe in der Literatur, aber es gibt keinen Grund, warum man ihn nicht als Bildenden Künstler bezeichnen sollte. Er ist ein Sichtbarmacher mit dem visuellen Bestand der Sprache: „die konstellation ist die einfachste gestaltungsmöglichkeit der auf dem wort beruhenden dichtung. sie umfasst eine gruppe von worten – wie sie eine gruppe von sternen umfasst und zum sternbild wird. [...]“, hat Gomringer schon 1954 als Manifest formuliert und damit die Konkrete Poesie begründet. Gomringer hat 1953 mit Marcel Wyss und Dieter Roth in Bern die Zeitschrift „spirale“ gegründet – von ihr ging Vieles aus – und ist bis heute verlegerisch tätig geblieben. 1954 hat er seine Tätigkeit als Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung in Ulm aufgenommen und selbst dort unterrichtet. Referenz seiner eigenen Forschung ist die Konkrete (bildende) Kunst, die er erstmals 1944 in einer Galerie in Zürich gesehen hat, eben die „Zürcher Konkreten“, denen auch Max Bill und Richard Paul Lohse zuzurechnen sind. Die Konkrete Kunst wird für Gomringer zum Impuls und Maß der lyrischen Form. Seine „Konstellationen“ greifen ihre Strategien und Strukturen auf, etwa die Wiederholung und Variation, die Permutation, ohnehin die Konzentration auf wenige, durch ein gedachtes Raster organisierte Bewegungsrichtungen. Zu sehen ist der konzise aussagekräftige Bestand gleicher Elemente. Eugen Gomringer, der vor seiner Hinwendung zur literarischen Avantgarde Sonette geschrieben hat, verbindet dazu mitunter klassische Formen des Gedichts mit seiner rigorosen „Entkernung“ (bis zum einzelnen Buchstaben). Dafür schafft er visuelle Resonanzräume, die der Be­­trachter selbst – klanglich, inhaltlich – ausfüllt. Das Schriftbild ist „sprechend“ bis hin zur Onomapoesis. Dass dabei Momente des Humorvollen aufblitzen, macht einen Reiz der Konkreten Poesie aus, hinzu kommt das Verführerische der Anordnung, deren Tiefe erst allmählich deutlich wird. Die Konkrete Poesie ist zeitweilig eine weltweite Bewegung mit einer immensen Variationsbreite, und einer ihrer Theoretiker und Multiplikatoren ist eben Eugen Gomringer. Aus dem unlängst auf Deutsch veröffentlichten Briefwechsel der berühmten, ebenfalls 1925 geborenen Ian Hamilton Finlay und Otto Jandl erfährt man, dass er es war, der Jandl 1964 erst auf Finlay aufmerksam gemacht hat.

Gomringer hat darüber hinaus kontinuierlich über bildende Kunst geschrieben und ist darin nach wie vor produktiv. So begleitet er das Werk einzelner Künstler wie etwa von Heinz-Günter Prager über Jahrzehnte textlich-interpretatorisch. Er äußert sich zudem zu den eigenen Gedichten. Ein prägnantes Beispiel ist „PING PONG“: „PING PONG war das spiel am grünen tisch, ein herausfordern zum antworten. die beiden grundvokale „i“ und „o“ sind zudem wie männliche und weibliche symbole aufzufassen. Überdies wird PING PONG ohne jede erklärung auf der ganzen welt verstanden“, schreibt Gomringer (Nimbus, Wädenswil 2018, S. 48). Seine „Konstellationen“ überwinden Sprach- und Gattungsgrenzen und initiieren selbst den Dialog. Recht leicht, sehr spielerisch beinhalten sie doch relevante Mitteilungen über unse­re Wirklichkeit. Und so ist die von Eugen Gomringer und von Freunden kommentierte Wiederveröffentlichung seiner wichtigen Gedichte doch der eigentliche Anlass, auf ihn hinzuweisen.

Eugen Gomringer
poema – Gedichte und Essays, 212 S., Hardcover, Fadenheftung, Nimbus, 29,80

Weitere aktuelle Bücher, die einzelne Texte von Eugen Gomringer enthalten: Andreas Herzau: Helvetica, mit Gedichten von Nora Gomringer und E. G., 104 S., Fotobuch, Pappband, Nimbus, 38,-

Simona Ciuccio (Ed.), Antonio Calderara, mit Texten u.a. von
Erich Franz und E. G., 142 S., Leinen mit Schutzumschlag, Kunstmuseum Winterthur, Scheidegger & Spiess, 38,-

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