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Es verdichten sich die Hinweise darauf, dass Düsseldorf sich verdichtet

Die biograph Ouvertüre Dezember 2018

Leben Sie noch oder verdichten Sie schon? Verdichten ist das Ding dieser Tage. Wir verdichten. Damit sind keineswegs Poeten gemeint, die abends beschwipst ein paar schlechte Reime aufs Papier bringen und am Morgen danach erstaunt feststellen: „Oh, da haben wir uns aber verdichtet.“
Nein, es geht um all die wunderbar verwinkelten Hinterhöfe, um die ein bisschen nach Anarchie duftenden Baulücken, um die Luftschneisen, die gerade in den roten Teil der Artenschutzliste vordringen, weil sie in sehr naher Zukunft zugebaut werden sollen. Man sagt aber nicht zugebaut, man sagt verdichtet. Überall wird verdichtet. Wer gestern noch hundert Meter weit schauen konnte bis zur nächsten Bebauung, muss sich darauf einrichten, dass er schon bald nur noch 20 Meter freie Sicht hat.
Es wird gebaut ohne Hemmung, denn bauen tut not. Immer mehr Menschen drängen in die Stadt und suchen Wohnraum. Wo aber soll dieser geschaffen werden, wenn nicht durch neue Hochhäuser und eben durch Verdichtung? Weil Hochhäuser aber in der überwiegenden Mehrzahl nur der Administration dienen, also vorwiegend gewerblich genutzt werden, bleibt zur Schaffung von frischem Wohnraum nur die Verdichtung.

Verdichtung hier, Verdichtung da, Verdichtung tralalalala. Könnte als Refrain für einen Karnevalsschlager durchgehen, ist aber letztlich zu ernst, als dass man noch drüber lächeln möchte, denn es sind ja nicht nur die bislang durch eine gewisse Weitsicht privilegierten Bewohner von zum Hinterhof ausgerichteten Wohnungen, die sich demnächst einschränken müssen. Es trifft alle, die hier wohnen.
Düsseldorf wird wohl wärmer werden, weil die Schneisen, durch die einst in heißen Sommernächten kühle Luft in die Stadt floss, längst zugebaut sind. Die Luft kommt nicht mehr in die Stadt, was gut ist für die ausgesperrte Luft, weil sie dann auch nicht verdrecken kann durch all die Autoabgase und Reifenabriebe. Es ist aber schlecht für die hier lebenden Menschen, denen das Atmen schwer gemacht wird, weil sie nur noch Verbrauchtes in die Lunge bekommen.
Schon jetzt ist absehbar, dass der Imperativ „Geh mal an die frische Luft“ in der Stadt demnächst als Anstiftung zur Körperverletzung gewertet werden dürfte. Oder als Aufforderung die Gemeinde zu verlassen, weil frische Luft in der Stadt zum Luxusgut wird.

Schon rüsten sich die ersten Unternehmer, die in insolvent gegangene Sonnstudios Luft-Oasen einbauen wollen. Für fünf Euro bekommt man dort eine Sauerstoffdusche verpasst, für zehn darf man eine Sauerstoffflasche To Go mitnehmen und sich fühlen wie der Bezwinger des Mount Everest. War ein Witz. Kein Witz dagegen: Der Staubsaugerhersteller Dyson arbeitet bereits an portablen Luftwäschern, die man gleichzeitig als Kopfhörer nutzen kann.
Aber es ist nicht nur die Luft, die knapp wird, auch der Geist muss leiden, denn wenn hier die Architekten gemeinsam mit den Stadtplanern weiterhin Blinde-Kuh-Tetris spielen und ihre Glas- und Beton-Klötzchen mehr oder minder wahllos in die Gegend kippen, dann sind irgendwann auch die Gedanken nicht mehr so frei, wie sie einst besungen wurden. Dann knallen sie schon nach wenigen Metern an die nächste Betonwand oder prallen ab von irgendeiner schicken Glasfassade. Die Straßenschluchten werden noch ein wenig tiefer werden und noch ein bisschen schattiger.

Irgendwann wird man Kindern aus einem Märchenbuch vorlesen, und sie werden erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass die Sonne einst nicht schon am frühen Nachmittag hinter den Dächern verschwand, dass es tatsächlich Plätze gab, wo man sich bis in den Abend hinein wärmen lassen konnte von den Strahlen des heißen Gestirns.
Und dann kommen demnächst bestimmt noch welche, die sagen, dass man doch in der großen Not den Rhein überbauen könne. Da der mangels Wasser ohnehin nur noch ein dürrer Schatten seiner selbst sei, könne man doch das Rinnsal Rhein einhausen. Deckel drauf. Fertig ist die nächste Verdichtungsfläche.
Irgendwann wird dann die große Stadtflucht einsetzen, werden immer mehr Menschen merken, dass ihre physische Integrität unvereinbar ist mit ihrer Anwesenheit im Moloch Stadt. Dank digitalisierter Arbeitsprozesse können dann hoffentlich immer mehr Menschen dezentral arbeiten und ihr Home Office dort aufschlagen, wo sie Luft zum Atmen und freie Sicht für den Geist finden. Dann werden sie den Zurückgebliebenen in der nächsten Insta-Story vorschwärmen, wie toll das ist, nicht mehr erdrückt zu werden von der Enge, von der Höhe der Häuser, vom Mangel an Luft.

Vielleicht macht dann mal irgendwann auch ein neuer Ausdruck die Runde. Entdichtung statt Verdichtung. Vielleicht, aber vielleicht auch nicht.

Hans Hoff

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