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Grafik: NODE Berlin Oslo

Shift the Vibe

Mit dem Festival Claiming Common Spaces starten FFT Düsseldorf und tanzhaus nrw gemeinsam in die neue Spielzeit

Ingrida Gerbutaviciute (tanzhaus nrw) und Kathrin Tiedemann (FFT Düsseldorf) im Interview

Unter dem Motto Shift the Vibe bietet das Festival Claiming Common Spaces vom 10.9.-13.9. vier Tage voller Tanz, Performance, Lectures, Gespräche, Workshops und Begegnungen. Shift the Vibe versteht sich als Aufruf zu mehr Beweglichkeit in den Körpern und Köpfen im Kontext einer Gegenwart, geprägt von Gewalt und zunehmender Verhärtung. Mit ihrem Festival möchten die beiden Intendantinnen Ingrida Gerbutaviciute und Kathrin Tiedemann Impulse für Empathie, Solidarität und Mut zur Veränderung setzen.


Wie würdet ihr Claiming Common Spaces einer Person beschreiben, die das Festival noch nicht kennt?
Kathrin Tiedemann: Bei Claiming Common Spaces dreht sich alles um Räume der Gemeinschaft. Tanz und Theater besitzen die große Kraft, solche Räume herzustellen und erfahrbar zu machen. Unser Festival beruft sich einerseits auf diese Gemeinschaft bildenden Fähigkeiten der Performing Arts und stellt andererseits den Bezug zur Gegenwart her. Denn solche Räume müssen immer wieder neu eingefordert, ausgehandelt und verteidigt werden. Aber vor allem möchten wir mit Claiming Common Spaces empowernde Momente des Zusammenkommens bieten!
Ingrida Gerbutaviciute: Das Festival besteht aus einem vielfältigen Programm spannender Performances, Tanzaufführungen, Gesprächs- und Begegnungsformate. Es sind junge Künstler*innen dabei und Gruppen, deren Arbeit Kathrin und ich teilweise schon seit vielen Jahren begleiten. Besonders ist, dass sich tanzhaus nrw und FFT für das Festival zusammentun. Ein Festival, zu dem sich beide Häuser gemeinsam für unsere Besucher*innen öffnen. Ich freue mich sehr darauf!

Warum arbeiten FFT und tanzhaus nrw dabei zusammen?
KT: FFT und tanzhaus nrw gehören zusammen zum Bündnis internationaler Produktionshäuser, einem deutschlandweiten Zusammenschluss der größten Zentren für die freien darstellenden Künste. Das Festival wird reihum immer von einem der Mitglieder ausgerichtet. In diesem Jahr sind wir in Düsseldorf gemeinsam die Gastgeber*innen.

Shift the Vibe klingt nach Veränderung. Welche Stimmung oder Haltung möchtet ihr mit dem Festival verschieben?
IG: In den freien darstellenden Künsten erleben wir aktuell brutale Förderkürzungen. Wenn internationale Kooperationen wegfallen, verlieren Künstler*innen nicht nur Fördermittel, sondern auch Räume für Austausch. Genau diese Räume brauchen wir heute mehr denn je. Gleichzeitig gefährden die aktuellen Kürzungen innovative künstlerische Arbeitspraktiken, die den Kern unserer Arbeit ausmachen. Shift the Vibe träumt von einer Hinwendung zu einer Zukunft, in der Kunst die Gesellschaft kritisch infrage stellen darf und dafür angemessen gefördert wird, um eine gerechtere, friedlichere Welt zu imaginieren.

Warum braucht es dieses Festival gerade jetzt?
KT: Wir wollen dazu ermutigen, sich nicht von den düsteren, resignativen Stimmungen anstecken zu lassen, von denen vor allem die globale Rechte profitiert. Die lebensfeindlichen, zerstörerischen Kräfte scheinen gerade zu dominieren. Dabei übersehen wir leicht die Potenziale für Regeneration, Heilung und Widerstand. Mit dem Festival setzen wir auf die Fähigkeit zur Solidarisierung. Der Shift geht also in Richtung: Gemeinsam ins Handeln kommen.
IG: Unser Festivalprogramm zeigt künstlerische Perspektiven, die Räume für Solidarität öffnen, und Strategien der Begegnung teilen. kiana rezvani lädt uns ein zu einem Moment aus Erinnerung und Trauer. ZOE und HAUS MAWU gestalten mit Sound, Poesie und Bewegung einen Abend für Transformation und Freude. Das Programm zeigt uns: Wir können Veränderung selbst in die Hand nehmen und wir sollten diese politischen Handlungsspielräume gestalten.

Gab es bei der Programmplanung auch Diskussionen oder unterschiedliche Pers­pektiven? Und haben diese das Festival am Ende vielleicht sogar besser gemacht?
KT: Das Festival ist von vornherein im Austausch der sieben internationalen Bündnishäuser untereinander entstanden. Dabei sind viele unterschiedliche, sich ergänzende Perspektiven zusammengekommen. Wir arbeiten seit zehn Jahren zusammen und sind überzeugt, dass Austausch zu besseren Entscheidungen führt.

Gab es bei der Programmplanung einen Moment oder eine Begegnung, die euch besonders bewegt hat?
IG: Ich hatte die Möglichkeit, die Performance IT`S THE END OF THE AMUSEMENT PHASE von Chara Kotsali, die während unseres Festivals am Samstagabend im tanzhaus nrw gezeigt wird, vorher live zu sehen beim Spring Forward Festival des europäischen Tanznetzwerks Aerowaves. Die emotionale und physische Kraft im Stück hat mich total beeindruckt – utopische Destruktion, die zugleich komplett energetisiert.

Gibt es eine*n Künstler*in im Festivalprogramm, dessen*deren Entwicklung du schon lange begleitest? Was fasziniert dich an dieser Arbeit?
IG: Die Performerin und Choreografin Claire Cunningham hat den zeitgenössischen Tanz aus der Perspektive einer behinderten Künstlerin entscheidend verändert. Cunninghams Arbeit ist und war wegweisend und ich verfolge ihre Arbeit seit Langem. Für alle, die sie noch nicht live erleben durften, möchte ich die Lecture Performance 4 Legs good REMIX am Sonntag ans Herz legen.

Gibt es eine*n Künstler*in, dessen*deren künstlerischen Weg du mit besonderem Interesse verfolgst?
KT: Magda Szpecht – die polnische Regisseurin verbindet Methoden des investigativen Journalismus mit Theater und Performance und stellt sich damit Putins hybrider Kriegsführung entgegen. Bei Claiming Common Spaces wird sie eine Keynote-Lecture halten, die sich mit den Angriffen auf unsere Empathiefähigkeit beschäftigt und danach fragt, was das für unsere Demokratie bedeutet.

Worauf freust du dich persönlich am meisten?
KT: Das ganze FFT bereitet sich schon seit Wochen auf die Performance Sieg über die Sonne vor. Ein 20-köpfiges, internationales Ensemble reist an, darunter das fabelhafte Solistenensemble Kaleidoskop aus Berlin unter Leitung von Maya Dunietz aus Tel Aviv, junge Schauspieler*innen aus Tallinn und das Kollektiv Showcase Beat Le Mot, das die Theaterszene seit Jahrzehnten prägt. Das wird ein großartiges Theatererlebnis, zu dem ich alle nur herzlich einladen kann!

Was wäre für euch ein Zeichen dafür, dass Shift the Vibe tatsächlich etwas verändert hat?
IG: Ich bin überzeugt von der transformativen Kraft von Tanz und darstellenden Künsten. Wer ins tanzhaus nrw kommt, in einem Kurs tanzt oder eine Aufführung ansieht, verlässt das Haus verändert. Tanz ist seit jeher eine extrem kraftvolle Form des menschlichen Ausdrucks. Tanz und Performance können intervenieren, kritisieren, infrage stellen, Protest formulieren. Wir hoffen, dass Besucher*innen das Festival mit dem Gefühl verlassen, nicht alleine zu sein sondern gemeinsam handlungsfähig zu sein.


Ingrida Gerbutaviciute ist seit 2022 Intendantin des tanzhaus nrw. Sie arbeitete als freischaffende Dramaturgin und Kuratorin. Im Jahr 2022 hat sie den Tanzkongress als Chefdramaturgin mitkuratiert.
tanzhaus-nrw.de

Kathrin Tiedemann ist seit 2004 künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Forum Freies Theater in Düsseldorf. 2015 erhielt das FFT den Theaterpreis des Bundes. Seit 2021 befindet es sich im KAP1 am Düsseldorfer Hauptbahnhof.
fft-duesseldorf.de

 


 

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