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Spencer

Spencer
Großbritannien, Deutschland 2021, Laufzeit: 117 Min., FSK 12
Regie: Pablo Larraín
Darsteller: Kristen Stewart, Timothy Spall, Jack Nielen
>> dcmstories.com/de/collection/spencer/

Heiß erwartet und kontrovers diskutiert - mit SPENCER hatte Pablo Larraín in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig nach JACKIE erneut ein begehrtes Frauenporträt im Gepäck. Während er mit der Präsidentengattin nur wenig anfangen konnte und das Biopic dementsprechend blass blieb, porträtiert er in SPENCER nun pointiert und eigenwillig den schmerzhaften Ablösungsprozess der Prinzessin von Wales von Ehemann und britischem Königshaus. Als Kulminationspunkt wählt er dafür das letzte Weihnachtsfest, welches Diana mit Charles und der Royal Family verbringt.

Dass Diana von diesem bevorstehenden Familientreffen auf Schloss Sandringham im ländlichen Norfolk nicht allzu viel hält, wird schnell deutlich. Schon auf dem Weg dorthin - nicht mit Entourage, sondern allein in einem offenen Cabrio – verirrt sie sich hoffnungslos in den Weiten der englischen Landschaft. Im schicken Chanel-Jäckchen spaziert sie kurzerhand in einen ländlichen Pub und fragt nach dem Weg. Ein mit dem Image Dianas als etwas naives Dummchen kokettierender Beginn, doch so heiter geht es nicht weiter.
An ihrem Ziel angekommen, wandelt sich die Stimmung schlagartig. Nach dem Betreten des prunkvollen Palastes ist buchstäblich Schluss mit lustig. Charles und Diana sind zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon getrennt. In der Ehe herrscht zwischen dem Prinzen und der Prinzessin von Wales Eiszeit. In der Presse jagt ein Skandal den anderen, es gibt Gerüchte über Affären und eine mögliche Scheidung. Zu den Weihnachtsfeierlichkeiten finden sich dennoch alle auf dem königlichen Landsitz ein - eine Tradition, der ein von der Queen eingeladenes Mitglied der Royal Family nur schwer entgehen kann, stellt es doch ein nur wenigen zuteil werdendes Privileg dar, dessen Ablehnung einem Affront gleichkommt.
Und so muss Diana trotz ihrer Magersucht - ausgemergelt und nur noch ein Abbild ihrer selbst - ein Dinner nach dem anderen hinter sich bringen, argwöhnisch beäugt von ihrem Ehemann und der Queen. Die restlichen Familienmitglieder bleiben bis auf wenige Ausnahmen bewusst schemenhaft, ihre Position wird symbolisch durch den obersten Hausdiener - phänomenal gespielt von Timothy Spall - vertreten, der keinerlei Verstöße gegen Tradition und Etikette zulässt, was er mit militärischer Strenge durchsetzt. Doch auch er hat einen Gegenpart, die Kammerzofe Maggie (Sally Hawkins), die als einzige zu Diana hält und sie emotional unterstützt.
Denn die Kronprinzessin lässt sich nicht einschüchtern, sie rebelliert. Wenn auch nicht offen, dann mit kleinen Akten des Aufbegehrens, ebenso kunst- wie effektvoll und zum Teil verstörend inszeniert. Eines steht jedoch unverrückbar fest. Sie wird sich von ihrem immer mehr als Gefängnis empfundenen Zuhause nebst Ehemann und Royal Family befreien, nur die geliebten Kinder halten sie noch vom offenen Bruch ab.
Pablo Lorraín inszeniert dieses Weihnachtsfest als Horrortrip mit subjektiver Kamera und allerlei surrealistischen Verfremdungen. Szenen gefrieren zu Tableaus, Flashbacks führen zurück in glückliche Kindertage mit dem geliebten Vater, eine Vogelscheuche wird zur symbolischen Figur und ihr nahe gelegenes leerstehendes Elternhaus zum Geisterhaus, in dem die von Diana bewunderte und von ihrem Mann Heinrich VIII enthauptete Königin Anne Boleyn herumspukt und Diana beschwört, das ihr geschehene Schicksal sich nicht wiederholen zu lassen.
Zunehmend drohen die verschiedenen Zeitebenen miteinander zu verschmelzen. Doch „Vergangenheit und Gegenwart sind bei der Königlichen Familie ohnehin dasselbe und eine Zukunft gibt es nicht," fasst Diana den aus ihrer Sicht beklagenswerten Zustand ihrer angeheirateten Verwandtschaft zusammen.

(Anne Wotschke & Kalle Somnitz)

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