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Inke Arns
Foto: Anne Bergner

„Wer performt hier eigentlich für wen?“

Inke Arns über die Ausstellung „Artists & Agents“

biograph: Frau Arns, eine Ausstellung im Hartware MedienKunstVerein über haptisches Aktenblättern. Ist das im Cloud-Zeitalter an sich schon subversiv?

Inke Arns: Die Stasi kommt ja aus dem prädigitalen Zeitalter. Insofern sind wir da ganz werkkonform.

Agenten wurden zu Performern, als die Furcht vor Umsturzgedanken und das künstlerische Stilmittel aufeinanderprallten?

Wir haben uns diverse Geheimdienste in Osteuropa angeschaut. Es geht bei der Ausstellung „Artists & Agents: Performancekunst und Geheimdienste“ um diese spezielle Beziehung, weil Performancekunst für viele dieser Dienste – eigentlich ja Geheimpolizei, ich verwende den Begriff nur nicht gerne, weil es immer an geheime Staatspolizei erinnert – in Polen, Bulgarien, in der DDR, der Tschechoslowakei und in Ungarn Performancekunst immer extrem gefährlich erschien. Das waren ja keine Bilder, die man an die Wand hing oder Skulpturen, die man irgendwo aufgestellt hat, sondern bei Performancekunst wusste und weiß man nie genau, was passiert. Da finden plötzliche Zusammenrottungen von Menschen statt und das ist potentiell unkontrollierbar. Deswegen kam denen das so gefährlich vor und wir lesen auch in den Akten, dass die diversen Stasis versucht haben, eine Art Theorie über Performancekunst zu erarbeiten, und so versucht haben, sich einen Reim drauf zu machen. Das kann man alles in den Akten lesen, natürlich auch in der Ausstellung im HMKV. Was uns darüber hinaus interessiert, ist die Tatsache, dass diese Geheimdienste natürlich auch Künstlerinnen und Künstler observiert haben, um zu infiltrieren und dann zu zersetzen. Zersetzung ist ein typischer Begriff aus dem Stasi-Vokabular. Wie haben sie das gemacht? Sie haben es gemacht, indem sie selber bis zu einem gewissen Grad künstlerische Mittel eingesetzt oder teilweise auch performative Strategien angewandt haben. Sie mussten zu Performancekünstlerinnen und -künstlern werden. Es waren vor allem Männer, die da aktiv waren, um überhaupt Zutritt zu dieser Szene zu bekommen.

Wenn das schwierig zu recherchieren ist, was zeigt denn dann die Ausstellung überhaupt?

Die Ausstellung zeigt fast 30 künstlerische Positionen. Künstlerinnen und Künstler haben sich zu der Thematik auch fast immer ruhig verhalten. Sei es schon während der Zeit oder sei es nachträglich. Es werden zwei Beispiele im Hauptraum der Ausstellung zu sehen sein. Das eine ist Cornelia Schleime, sie hat eines der ikonischen Werke zu dem Thema gemacht und ist von der Stasi massiv beschattet worden und 1984 ausgereist. Nach der Wende hat sie ihre Akten in der Stasi-Unterlagen-Behörde eingesehen und war schockiert darüber, was sie da alles über sich gelesen hat und wie die Stasi sie auch beschrieben hat: „Verlottertes Subjekt“, „steht nicht vor 11 Uhr auf“, „ist anti-sozialistisches Subjekt“, „trägt Westkleidung“, „woher hat sie das Geld, prostituiert sie sich etwa?“ Was macht man, wenn man liest, wie man diffamiert wird? Was sie gemacht hat, ist absolut grandios. Sie hat die Akten genommen und diese riesig vergrößert, hat dann Selbstporträts gemacht und zwar exakt so, wie die Stasi sie beschrieben hatte. Das sind völlig absurde Selbstporträts geworden. Das ist witzig und gleichzeitig krass. Das andere Projekt ist von Gabriele Stötzer aus Erfurt. Sie ist eine Künstlerin, die total unerschrocken war in der DDR-Zeit und mehrfach im Knast gesessen hat. Sie wird zur Eröffnung kommen, weil sie interessanterweise in Dortmund Familienbande hat. Sie wollte 1984 eine Fotoserie mit einem Transvestiten machen und hat dafür nach einem gesucht. Das wussten eigentlich nur ihre besten Freunde. Und dennoch hat sich die Stasi dann daran gemacht, einen Transvestiten zu suchen, hat dafür jemanden angeworben. Dessen Name war Winfried. Wir zeigen die Anwerbefotos. Dann haben sie ihr diesen Transvestiten geschickt. Warum macht die Stasi sowas? Weil sie gehofft hat, da entsteht „Kompromat“, kompromittierendes Material, nämlich pornografische Aufnahmen. Damit hatten sie Gabriele Stötzer wieder einbuchten können. Das ist nicht passiert. Wir zeigen aber diese Fotoserien, d.h. wir haben nicht nur die Anwerbefotos, sondern auch die künstlerische Arbeit, sehr ausführliche Fotoserien mit Winfried vor der Kamera, angezogen und nackt. Das ist ganz unglaublich, wenn man sich davor stellt und denkt, was da gerade eigentlich passiert. Wer performt hier eigentlich für wen?


Gibt es auch Künstler und Künstlerinnen in der Ausstellung, deren Arbeit zerstört wurde?

Ja. Wir haben nur ein Beispiel aus Russland, weil die russischen Archive nicht mehr zugänglich sind. Das Material, das wir zeigen, kommt aus den Archiven, die heute offen sind für Forschung. Die KGB-Archive waren 1990 kurz offen, so für zwei, drei Monate und wurden dann wieder geschlossen. Ich vermute, weil es da heute eine zu große Kontinuität zwischen KGB und FSB gibt. Das Beispiel aus Russland ist die berühmte sogenannte Bulldozer Ausstellung. Das war eine Aktion von nonkonformistischen Künstlerinnen und Künstlern, Malern vor allen Dingen. Die sind um ihre Arbeiten auszustellen auf ein Feld gezogen und haben dort auf Staffeleien ihre Bilder ausgestellt. Dann kamen – und das ist eine typische Strategie von Geheimdiensten – Lkws mit Arbeitern drauf, die an dem Tag plötzlich einen freiwilligen Subbotnik veranstalten wollten, deshalb wollten die einen Park anlegen fürs Volk. Und dann kamen Bulldozer und haben die Staffeleien mit den Bildern untergepflügt. Deswegen heißt die Ausstellung auch Bulldozer Ausstellung. Davon zeigen wir einerseits Fotos der Beteiligten und Fotos des KGB, die wir direkt aus Moskau bekommen haben.

Kann künstlerische Militanz heute überhaupt noch Einfluss nehmen? Pussy Riot, Guerilla Girls – wie sieht das heute aus?

Das denke ich auf jeden Fall. Aber ich denke nicht an die, die in der Frage genannt wurden, sondern an eine Gruppe, die nennt sich „Zentrum für politische Schönheit“. Wir wollten eigentlich auch Dokumente über diese Gruppe zeigen, weil es den Fall gab, dass ein Staatsanwalt die Gruppe als terroristische Vereinigung eingeordnet hat. Interessanterweise war das ein Staatsanwalt, der Mitglied der AfD ist. Die Gruppe hat sich ja auch dadurch hervorgetan, dass sie das „Denkmal der Schande“ vor die Haustür von Höcke gebaut haben. Die müssen über Monate vom Verfassungsschutz beobachtet worden sein und da hätten wir gerne Dokumente zu gehabt. Ich finde nicht jede Aktion, die sie machen, gut. Was sie aber schaffen, ist Aufmerksamkeit für Themen, die wichtig sind.

Artists & Agents: Performancekunst und Geheimdienste | bis 22.3. | HMKV im Dortmunder U | 0231 13 73 21 55

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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