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Vor der Morgenröte

Vor der Morgenröte
Deutschland, Österreich, Frankreich 2015, Laufzeit: 106 Min., FSK 0
Regie: Maria Schrader
Darsteller: Josef Hader, Suely Torres, Barbara Sukowa, Matthias Brandt, Aenne Schwarz, Charly Hübner
>> www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Seinerzeit war Stefan Zweig der meistgelesene deutschsprachige Autor neben Thomas Mann. Fragmentarisch entblättert Maria Schrader die letzten Lebensjahre des pazifistischen Wortakrobaten, der 1934 aus Österreich Flucht im Exil suchte und sich außer Lage sah, wieder sesshaft zu werden und eine neue Heimat zu finden. Nachgezeichnet wird die Figur in Situationen wie politischen Kongressen, aber auch in familiären Kreisen. In distanzierter Sachlichkeit ersucht man nachzuempfinden, weshalb Stefan Zweig gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau 1942 in Petrópolis den Freitod wählte. Derzeit ist das biographische Drama unter anderem zweimal für den deutschen Filmpreis nominiert: Maria Schrader als Regisseurin und Barbara Sukowa als weibliche Nebendarstellerin in ihrer kurzen, aber prägnanten Rolle von Zweigs erster Ehefrau.

Dem österreichischen Kabarettisten und Komiker Josef Hader, der üblicherweise als mittelloser Privatdetektiv Brenner skurrile Milieus erkundet und mit mehr Glück als Können von Fall zu Fall stolpert, hätte man einen solchen Achsensprung in seiner Rollenauswahl kaum zugetraut. Als Stefan Zweig jedoch entpuppt er sich als wahrhafter Glücksgriff und zeigt, dass er auch dramatischen Rollen gewachsen ist. In distinguierter Zurückhaltung wohnt er hier anfänglich politischen Kongressen bei und weiß dem offiziellen Diskurs um den zweiten Weltkrieg in aller Eloquenz, sowie verträglichen Statements auszuweichen. In Brasilien wird er von der internationalen Presse um ein Plädoyer gebeten, trägt aber nichts Handfestes zur Debatte bei. Tiefsitzender Schmerz hat sich in die Furchen seines Gesichts eingegraben. Ein Leiden, das sich aufgrund des Exils manifestiert hat und das er auf seinen Touren durch die exotische Wildnis des Landes zu kompensieren versucht. Doch selbst am anderen Ende der Welt werden ihm die Zustände im vom zweiten Weltkrieg entzweiten Europas vergegenwärtigt. Unbeholfene Kapellen, die ihm Ständchen aus der Heimat vortragen, rühren ungewollt in seiner Sehnsucht nach dem ihm geliebten Österreich, aus dem er seiner jüdischen Wurzeln wegen vor dem nationalsozialistischen Regimes Hitlers fliehen musste. Hinter der inszenatorischen Sachlichkeit, in der Maria Schrader die letzten Stationen seines Lebens reflektiert, verbirgt sich eine sich ausweitende Melancholie. Anhand langer Plansequenzen, in denen der Autor eingangs, meistens umringt von Menschenhorden, wie verloren auf eine Art von Absolution wartet, visualisiert sie die Ödnis seiner inneren Zustände. Eine Leere, die sich selbst nicht von gutgemeinten Geschenken oder teurer Gastfreundschaft ausfüllen lässt. Die Zurückhaltung, mit der die letzten Lebensjahre nachgezeichnet werden, lässt eine echte psychologische Auseinandersetzung mit der Person des Literaten offen im Raum stehen. Nur in der kongenialen Szene, in welcher Zweig in New York seine ehemalige Frau Friderike (Barbara Sukowa) und Töchter wiedertrifft, wagt Schrader sich vorsichtig an eine Interpretation, weshalb sich der Autor zu den politischen Wirren in Diskretion übte und, anders als beispielsweise Thomas Mann, klare Aussagen vermied. Ihr Portrait stellt mehr Fragen, als es Antworten gibt und integriert das Schaffen und Arbeiten seines Spätwerkes, wie seine bekannte "Schachnovelle" beinahe beiläufig, steuert unbeirrt und gedankenvoll auf die letzte Station seiner Vita zu, in der er die Welt zurückließ, den Akt des Selbstmordes in der Rezitation seines desillusionierend hoffnungsfreien Abschiedsbriefs bündelnd.

(NATHANAEL BROHAMMER)

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