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Spaziergang nach Syrakus

Spaziergang nach Syrakus
Deutschland 2026, Laufzeit: 97 Min., FSK 6
Regie: Lars Jessen
Darsteller: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten

Dass die alte DDR immer noch gut ist, neue außergewöhnliche Kinostoffe zu liefern, ist geradezu erstaunlich. So erzählte Natja Brunckhorst vor zwei Jahren in ZWEI ZU EINS, wie man alte Ostmark, die zur Vernichtung in einem Bergbau-Stollen lagerten, in valide Westmark verwandeln konnte, und im letzten Jahr war es Charly Hübner, der in Wolfgang Beckers DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRAßE, von einem Westberliner Journalisten zu einem vergessenen Ostberliner Helden hochstilisiert wurde. Und Hübner spielt nun auch in SPAZIERGANG NACH SYRAKUS die Hauptrolle.

Immerhin ist Hübner tatsächlich in der DDR geboren, was man von Lars Jessen nicht behaupten kann. Der kommt aus Kiel und ist ein echtes Nordlicht. Dem Heimatfilm eng verbunden, arbeitet er nicht zum ersten Mal mit Charly Hübner (MITTAGSSTUNDE). Auch diesmal versuchen sich die beiden an einem Roman, der zugegeben recht unbekannten Erzählung DER SPAZIERGANG VON ROSTOCK NACH SYRAKUS von Friedrich Christian Delius, der wiederum auf der realen Flucht von Klaus Müller beruht. Delius hatte die damalige Republikflucht für seine Erzählung schon dramaturgisch abgewandelt und Jessen / Hübner tun dies ein weiteres Mal. So ist nicht unbedingt ein Dokument aus DDR-Zeiten entstanden, sondern vielmehr ein hoch emotionaler Film, der Themen wie Freiheit und Bindung verhandelt und die Frage stellt, wie weit man gehen kann, ohne den anderen oder seine Heimat zu verlieren.
Das gilt für unseren Protagonisten Paul Gompitz im Privaten wie im Politischen. Er will weder seine Frau verlassen noch Republikflucht begehen. Er will einfach nur verreisen. Und zwar nach Syrakus, nach Sizilien auf den Spuren seines Lieblingsdichters Johann Gottlieb Seume. Doch alle Versuche, seinen Wunsch legal umzusetzen, scheitern: Anträge auf eine Besuchsreise zu seiner Cousine in Westdeutschland, auf die Mitgliedschaft in der Liga für Völkerfreundschaft, auf eine Studienreise, alle Anträge werden abgelehnt! Was bleibt Paul anderes übrig als Plan B.
Paul arbeitet als Kellner auf einem Fahrgastschiff der Weißen Flotte in der Nähe Rostocks. Dort bedient er auch westdeutsche Touristen und hat schon allerhand Westmark Trinkgeld auf die Seite gelegt. Er lernt Segeln, kauft sich meldepflichtige Sachbücher über Navigation und Radarüberwachung und zeichnet wochenlang an seiner Reisekarte. Oder sollte man sie Fluchtkarte nennen? Jedenfalls ist alles streng geheim, selbst seine Frau hat er nicht eingeweiht, um sie vor Mitwisserschaft zu schützen.

Als die Flucht gelingt und der Westen ihn als Helden feiert, nimmt Paul Kontakt mit der Botschaft der DDR auf, um seine Rückkehr zu verhandeln. Doch die bleiben hart, bezeichnen ihn als Verbrecher und Lügner, denn schon viele sind vor ihm geflohen, doch er ist der Erste, der wieder zurück will.

Was Lars Jessens Film auszeichnet, ist seine tiefe Menschlichkeit. Einfach einmal irgendwohin reisen und glücklich wieder zurückkehren können. Paul kann nicht verstehen, dass ihm das ein Staat verbieten will. Er ist kein Politischer, kein Revoluzzer, eher ein typisch norddeutscher Sturkopf, der seinen Kopf durchsetzen will. Charly Hübner und Lina Beckmann verkörpern Paul und Anne und scheinen wie gemacht für diese Rollen. Aus ihrer Liebe ist vielleicht Gewohnheit geworden, aber sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können, auch wenn sich ihre Lebenswünsche unterscheiden. Lars Jessen gelingt es, diese tiefe Verbundenheit so zärtlich zu inszenieren, dass Anne nicht in Pauls Plänen eingeweiht sein muss, um genauestens zu wissen, was er vor hat. So versucht Jessen den Abstand einzukreisen, den man voneinander haben darf, ohne sich zu verlieren und definiert den Begriff Freiheit auf eine ganz neue Weise.

(Kalle Somnitz)

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