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Paradies: Hoffnung

Paradies: Hoffnung
Frankreich, Österreich, Deutschland 2013, Laufzeit: 92 Min., FSK 12
Regie: Ulrich Seidl
Darsteller: Melanie Lenz, Verena Lehbauer, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas
>> www.paradies-trilogie.de/hoffnung.film

Den Abschluss von Ulrich Seidls Ausnahme-Trilogie bilden die Erlebnisse eines Sommers von Melanie, Tochter und Nichte der Protagonistinnen aus den ersten Teilen. Sie wird von ihnen in ein Diätcamp für Jugendliche abgeschoben und verliebt sich unglücklich in einen wesentlich älteren Arzt. Erneut gelingt es Seidl auf kunstvolle Weise die Machtmechanismen und Begehrensstrukturen von Institutionen und der Gesellschaft, die sie hervorbringen visuell hervorragend auszustellen. Diesmal mit einem Funken Hoffnung.

Ulrich Seidls großes Talent liegt vor allem in der Komposition des Szenischen, der Gestaltung von Bildräumen, die in ihrer tableauxhaften Form eine Stimmung und Intensität heraufbeschwören, der man sich kaum entziehen kann. War es im ersten Teil „Liebe“ das Spiel zwischen dem umzäunten Raum des Safari-Hotels in Kenia mit den pulsierenden Straßen der Einheimischen, das verhandelt wurde, bot sich dagegen im Kammerspiel „Glaube“ die klaustrophobische Enge von Anna Marias Wohnung, die in ihrem fanatischen Vertreten der Kirche ganz bei sich blieb.

In „Hoffnung“ nun, wird schon durch das Setting allein die ganze Schwere der Disziplinarmacht spürbar, die in ähnlicher Form wohl auch die Elterngeneration hervorgebracht hat: Das Diätcamp, in welches Melanie abkommandiert wird, befindet sich in einem alten Internatsgebäude, dessen massives Gemäuer wie geschaffen dafür scheint, um aufkeimende dissidente Selbstentwürfe einfach unter sich zu begraben. Zucht und Ordnung ist hier die Maxime und sie wird lustvoll vertreten von deren Abgesandten, wie dem gnadenlosen Sport-Trainer und dessen anorektischer Assistentin, welche die Jugendlichen vermessen und bewerten, sich aufreihen lassen und durchnumerieren.

Das erzwungene Traben der Kinder im Kreis erinnert an Haftbilder von Kubricks „Uhrwerk Orange“ oder auch van Goghs Studien zum Exerzieren in Gefängnishöfen von Saint-Rémy. Jene Bilder der Monotonie und gewaltsamen Disziplinierung entwirft auch Seidl auf sehr konzentriert tableauxhafte Weise und sie offenbaren darin ihre zerstörende Kraft, stellen die offensive Erniedrigung und den normativen Zwang aus. Doch der Widerstand der Kinder regt sich in den wenigen privaten Momenten, die ihnen zugestanden werden, wenn auf den Zimmern, von den Aufsehern unbeobachteter Weise, zaghaft über Liebe, Sex und Zukunft gesprochen und Normen in Frage gestellt werden, subversive Partys mit hereingeschmuggeltem Süßkram, Jungs und Alkohol gefeiert werden. Die meisten sind Scheidungskinder und so verwundert es eigentlich nicht, dass der gelackte, aber durchaus noch attraktive Arzt, der die Diät überwachen soll, die Sehnsucht von Melanie weckt. Es entspinnt sich eine Lolita-Geschichte, die Seidl aber im Gegensatz zu Nabokov aus der Perspektive des Mädchens erzählt und ihren verletzlichen Gefühlen, aber auch dem energisch durchgesetzen Wunsch nach Aufmerksamkeit Raum gibt. Der Arzt beginnt ein Spiel mit ihr, innerhalb der genau abgesteckten institutionellen Grenzen, das doch stets darüber hinaus seine Versprechen wirft, die Melanie von einem Zustand der Hoffnung in die Verzweiflung hinaus treiben. Nach einem schnapsdurchzogenen Tanzabend in einer Absturzbar im Dorf wird sie von zwei Jungs fast vergewaltigt und zur Rettung ruft man ausgerechnet ihn – den scheinbar verantwortungsvollen Erwachsenen. Dieser fährt mit der bewusstlosen Melanie in ein Waldstück und legt sie in einer unfassbar ästhetischen und grauenvollen Szene in einem märchenhaften, nebülösen Setting ins Gras, um sich zu ihr zu legen, in einem entrückten Naturzustand, der genauso pervertiert ist, wie die Gewalt der Institution. Doch im Gegensatz zu ihrer Elterngeneration lässt sich Melanie trotz dieser Enttäuschung nicht bezwingen, es bleiben ihr die Räume der Subversion, es bleibt Hoffnung.

(Silvia Bahl - biograph)

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