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No Other Choice

No Other Choice
Südkorea 2025, Laufzeit: 139 Min., FSK 16
Regie: Park Chan-wook
Darsteller: Lee Byung-Hun, Ye-jin Son, Park Hee-Soon
>> tickets.plaionpictures.com/no-other-choice

Mit NO OTHER CHOICE bestätigt Park Chan-wook (OLDBOY, DIE TASCHENDIEBIN) einmal mehr seinen Rang als einer der aufregendsten Autorenfilmer Südkoreas. In einer Liga mit Bong Joon-ho (PARASITE) verbindet er gesellschaftsrelevante Themen mit stilistischer Virtuosität und schwarzem Humor. Sein neuer Film ist eine ebenso böse wie elegante Groteske: ein präzise komponiertes Spiel mit dem Absurden, das visuell überwältigt und zugleich genüsslich sticht.

Im Zentrum steht Man-su, grandios verkörpert von Lee Byung-hun (SQUID GAME) der eine scheinbar tadellose Mittelschichtsexistenz führt – bis künstliche Intelligenz seinen Arbeitsplatz überflüssig macht. Was folgt, ist ein langsamer, schmerzhafter Abstieg: Erst verschwinden kleine Luxusgüter aus dem Alltag, dann größere Sicherheiten, schließlich droht der Verlust des Hauses, das einst den Erfolg symbolisierte. Parks Film entwickelt aus dieser Ausgangslage eine ebenso makabre wie überraschend komische Dynamik. Wenn Man-su erkennt, dass nicht der Jobmangel, sondern die Konkurrenz das eigentliche Hindernis ist, schlägt die Geschichte eine radikale, unvorhersehbare Richtung ein.
NO OTHER CHOICE ist damit weit mehr als eine Satire auf Automatisierung und Leistungsdruck. Es ist ein wildes, kompromissloses Kinoerlebnis nahe an der Farce, das sein Publikum zugleich zum Lachen und zum Zusammenzucken bringt. Nach der gefeierten Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 wirkt dieser Film wie ein Werk, das schon im Moment seines Erscheinens Kultstatus beansprucht: provokant, verstörend und von einer Handschrift, die unverkennbar Park Chan-wook gehört. Er inszeniert mit scharfem Blick und bitterem Witz eine Welt, in der moralische Gewissheiten genauso brüchig sind wie die gesellschaftlichen Versprechen, auf denen sie beruhen.
Doch Park Chan-wook erweist sich in NO OTHER CHOICE nicht nur als scharfsinniger Chronist moderner Verwerfungen, sondern auch als bekennender Cineast. Seit jeher gilt er als großer Verehrer Alfred Hitchcocks, und auch hier sind die Spuren dieser Leidenschaft deutlich zu erkennen. Tonal erinnert der Film weniger an die klassischen Suspense-Thriller der frühen Jahre als vielmehr an Hitchcocks späten Werke wie FRENZY und FAMILIENGRAB: eine Mischung aus schwarzem Humor, moralischer Kälte und einer fast genüsslichen Grausamkeit, die das Publikum gleichermaßen amüsiert wie verstört. Auch Park inszeniert Mord und Abgrund nicht als reines Schockmoment, sondern als bitterironischen Kommentar auf eine aus den Fugen geratene Welt.
Diese präzise kontrollierte Grausamkeit verbindet Park Chan-wook zudem mit einem anderen prominenten Bewunderer: Quentin Tarantino. Dessen Wertschätzung erklärt sich vor allem aus der gemeinsamen Liebe zu minutiös konstruierten Sequenzen. Wie Tarantino denkt auch Park in Szenen, die bis ins kleinste Detail durchgeplant sind – formal verspielt, rhythmisch exakt und voller Verweise auf die Filmgeschichte. Gleichzeitig erschöpfen sich diese Momente nie im bloßen Zitieren: Aus bekannten Versatzstücken entsteht etwas radikal Eigenständiges, das mit enormer Energie und überraschender Wucht auf die Leinwand drängt.
Gerade in NO OTHER CHOICE zeigt sich diese Handschrift besonders deutlich. Park nutzt sämtliche filmischen Mittel – Bildkomposition, Montage, Musik und Timing –, um Sequenzen zu schaffen, die zugleich vertraut und vollkommen neu wirken. So steht der Film nicht nur in einer Traditionslinie mit Hitchcock, sondern behauptet selbstbewusst seinen Platz im zeitgenössischen Kino: als Werk eines Regisseurs, der die Geschichte des Mediums kennt, liebt und sie immer wieder neu erfindet.

(Eric Horst)

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