
Die wilde Zeit
Frankreich 2012, Laufzeit: 122 Min., FSK 12
Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand
>> www.diewildezeit-derfilm.de
Obwohl schon 45 Jahre her, ist der „April 68“ ein heute noch fest stehender Begriff, der den Höhepunkt der linksgerichteten Studenten- und Bürgerrechtsbewegung zusammenfasst, die sich von Frankreich über halb Europa ausbreitete und vor keiner gesellschaftlichen Schicht halt machte. Auch der Film war betroffen. So erreichten beispielsweise bei den Filmfestspielen in Cannes Vertreter der „Nouvelle Vague“ wie Francois Truffaut und Jean-Luc Godard deren Abbruch. Mit „Die wilde Zeit“ meldet sich nun ein jüngerer Vertreter zu Wort, der von der Zeit nach der Revolution berichtet.
„Après Mai“, so der französische Originaltitel, erinnert buchstäblich an die Zeit, über die Regisseur Oliver Assayas hier berichtet, und er tut dies aus seiner eigenen Sicht, aus seiner eigenen Jugendzeit heraus. Doch er wollte keine Autobiographie machen, vielmehr schwebte ihm ein kollektives Porträt seiner Generation vor.
Sein ‚alter ego’ ist der Pariser Student Gilles (Clément Métayer), der sich zu Beginn der siebziger Jahre von der politisch aufgeladenen Stimmung seiner Zeit mitreißen lässt. Sein eigentlicher Traum aber ist es zu malen und Filme zu machen - sehr zum Unverständnis seiner Freunde und seiner Freundin, denen Politik und der politische Kampf alles bedeutet. Auf einer angemeldeten Demonstration wird er von bewaffneten Polizisten auf Motorrädern gejagt, ein junger Mann verliert sein Augenlicht, aber Gilles und seine Freunde kommen mit dem Schrecken davon. Die revolutionäre Bewegung der Studenten radikalisiert sich zunehmend. Bei einer nächtlichen Aktion an der Uni werden Gilles und seine Kameraden vom Wachpersonal verfolgt. Einer der Wachmänner erleidet durch ihre Schuld einen Unfall und fällt ins Koma. Um Gras über die Sache wachsen zu lassen, verbringt Gilles mit Christine (Lola Créton) den Sommer in Italien, wo die beiden eine Liebesbeziehung beginnen. Aber Gilles leidet noch unter der Trennung von seiner Ex-Freundin und wehrt sich gegen die Art, wie manche Linke ihre Kunst für politische Zwecke einspannen. Er will seinen eigenen Weg durch die turbulenten Zeiten finden und landet nach vielen Umwegen in London als Praktikant bei einer B-Movie-Produktion.
Assayas gelingt ein komplexes Portrait dieser Zeit und der politisierten Jugend. Damit nimmt er seine Carlos-Trilogie sogar ein wenig vorweg, denn den Studenten geht es nur noch um die Anarchie und nicht mehr um die Inhalte, die hinter dem Aufstand steckten. So geht zwar der Aktivismus der 68-er nicht verloren, ihr spiritueller Geist aber schon. Er wird ersetzt durch die Suche einer Generation nach neuen Werten. Die einen radikalisieren sich um ihrer selbst willen, die anderen finden Antworten in den marxistischen Theorien und wieder andere brechen nach Nepal auf und begründen die Flower Power Generation und experimentieren mit Alkohol und Drogen. Assayas untermalt diese Suche mit einem ziemlich psychedelischen Soundtrack aus Musikstücken, die er selbst zu dieser Zeit gehört hat. Die Songs untermalen nicht den Film, wie sonst üblich, sondern haben eine Form von Unabhängigkeit, eine eigene Handlung. Sie sind integraler Bestandteil der Geschichte und untermauern so den Verlust der konkreten Forderungen der 68-er Generation und öffnen die Tür, weg von der Gesellschaftskritik hin zu einer wesentlich Ich-bezogeneren Selbsterfahrungswelle.
(Kalle Somnitz - biograph)