Helau erst einmal. Ich weiß nicht, ob Sie es wussten, aber Düsseldorf ist wieder einmal gewachsen. Nein, wir haben uns keine neuen nichtsnutzigen Promis zugezogen, die hier im Geheimen leben und im australischen Dschungel arbeiten. Düsseldorf hat ganz normale Menschen gewinnen können. Waren es Ende 2010 noch 588 169 Einwohner, so bilanzierte das Rathaus für 2011 einen Endstand von 591 159, so viele wie seit 1980 nicht mehr. Es zieht mehr Menschen in die Stadt als heraus ziehen. Und schon wird die 600 000er-Marke angepeilt. Frei nach dem Motto: Wir sind wieder wer und wir werden mehr.
Das protzige Gehabe kann man indes lassen, denn die Steigerung der Einwohnerzahl ist nur auf der einen Seite ein Grund zum Jubel. Auf der anderen eignet sich eine Bilanz wie diese durchaus als Anlass, einmal innezuhalten und nachzudenken, was solch eine Entwicklung mit sich bringt.
Schon jetzt schießen die Immobilienpreise Monat für Monat auf neue Rekordstände, schon jetzt folgen die Mieterhöhungen auf dem Fuß. Natürlich herrscht kein Mangel an Wohnungen der Schau-mal-was-wir-uns-leisten-können-Klasse. Die sind schnell gebaut und schnell weg. Was immer rarer wird, ist preiswerter Wohnraum in akzeptablem Zustand in akzeptablem Umfeld.
Noch können sich Menschen freuen, die in Bilk, Flingern oder Oberbilk eine bezahlbare Bleibe gefunden haben und genießen, dass sich alles, was zum Leben nötig ist, im näheren Umfeld befindet. Aber schon steigen die Mieten auch in diesen In-Vierteln rasant an. Günstig wohnen meist nur noch die Altmieter. Wer neu dazu kommt, muss meist wesentlich mehr berappen als der Vormieter.
Wenn das so weitergeht, wird Gentrifizierung über kurz oder lang doch noch ein Thema für die Stadt. Schien es so, als gehe der Trend zur Besetzung von Stadtvierteln durch zahlungskräftige Latte-Macchiato-Mütter und ihre zugehörigen Versorger an Düsseldorf weitgehend vorbei, scheint es nun, als bilde das Jetzt nur eine letzte Verschnaufpause vor der endgültigen Inbesitznahme ganzer Stadtteile.
Die Frage, was dagegen getan wird, klingt in Düsseldorf ziemlich lustig, denn genauso könnte man fragen, was gegen dieses ewige Wetter mit seinen Wechseln unternommen wird. Die Antwort ist in beiden Fällen die gleiche: exakt nichts. Düsseldorf ist auf den Wandel nicht vorbereitet. Hier kennt man nur den fiskalischen Trend, und der zeigt bei soviel Zuwanderung natürlich nach oben.
Man muss sich nichts vormachen. Es kommen ja als Zuzügler nicht die ärmsten der Armen in die Stadt. Rekrutiert werden vornehmlich gut bezahlte Fachkräfte. Die werden gebraucht in Banken, Agenturen und Mobilfunkfirmen, und die machen sich breit und verdrängen jene, die sich gestiegene Mieten nicht mehr leisten können.
Da im Rathaus nichts anderes getan wird als das Wachstum zu bilanzieren und sich darüber zu freuen, ist es an den Bürgern, den Mund aufzumachen. Wer auch morgen noch eine lebenswerte Stadt bewohnen will, die gerade in ihrer inneren Vielfalt liebenswert ist, muss aufstehen und die Hanswürste im Rathaus fragen, was sie zu tun gedenken. Und wenn sie dann sagen „nichts“, dann muss es eine ziemliche Aufregung geben.
Düsseldorfer erregt euch! Lasst euch nicht länger abspeisen mit höher, weiter, teurer. Steht auf und fordert, dass die Stadt auch im Wandel eine Stadt bleibt, in der nicht nur das Geld regiert. Es kann nicht angehen, dass alles mit Glasfassaden zugekleistert wird, dass sich die Geschäfte alle ähneln, dass Uniformität zum Maß aller Dinge ausufert. Wenn alles gleich ist, kann man auch in Köln leben, in Hamburg oder in Castrop-Rauxel.
Es darf nicht egal sein, was in Düsseldorf passiert. Die globale Entwicklung mahnt, dass jedes Wachstum sich irgendwann selbst in den Schwanz beißt, dass jedem Hoch auch ein Tief folgt. Dann brauchen die Düsseldorfer Räume, in denen sie sich begegnen dürfen, in denen sie gemeinsam etwas überlegen und in die Tat umsetzen können. Wenn aber parallel zum fiskalischen Wachstum das gesamte soziale System kaputt gespart wird, dann wird es diese Räume nicht mehr lange geben.
Schon jetzt ist absehbar, dass kleine, von persönlicher Initiative getragene Läden wie auf der Bilker Allee oder auf der Ackerstraße nur noch eine begrenzte Zeit Schonfrist haben. Wenn aber alles nur noch Schicki, Latte Macchiato und Glasfassade ist und den nicht so Betuchten als kulturelles Erlebnis nur der Besuch einer Kik-Filiale bleibt, dann geht ein Gemeinwesen rasch vor die Hunde. In den Hochhäusern von Hassels kann man sehen, welche Probleme das bringt. Wohlgemerkt: Hassels gehört zu Düsseldorf und ist doch fast schon ein Paralleluniversum. Und ein Menetekel für die ganze Stadt.
Liebes Düsseldorf. Willst du nicht in deiner Gänze Hassels werden, dann freu dich noch einen Moment über die Einwohnerexpansion, dann tu aber auch was für jene Menschen, die Düsseldorf braucht, wenn es nicht zum seelenlosen Geldsilo verkommen will. (aus biograph 2-2012)
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