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Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung. Roman. Aus dem Französischen von Stefan Linster. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2011, 271 S., 18.90 €

Pariser Intrigen

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Der heute 62-jährige Didier Daeninckx hat in Frankreich bereits eine geradezu schwindelerregende Anzahl von Romanen vorgelegt (so um die vierzig, nebst zahlreicher Erzählungen), ist aber hierzulande weitgehend unbekannt geblieben, tatsächlich wurde von ihm kaum mal etwas ins Deutsche übersetzt. Sein Interesse liegt ganz klar im Bereich „Krimi“, doch das ist gleich schon nur die halbe Wahrheit, denn Daeninckx grundiert seine Geschichten gerne mit klaren politischen oder gesellschaftkritischen Botschaften, holt dabei allerlei Unter-den-Teppich-Gekehrtes hervor, soll heißen: Verdrängtes und Verleugnetes aus dem kollektiven französischen Gedächtnis, wie unlängst erst in seinem letzten Roman („Missak“, von 2010) um den armenischen Dichter und Résistance-Chef Missak Manouchian, der 1944 von den Nazis exekutiert wurde. Der vorliegende Roman, im Original bereits 1984 erschienen, spielt im Paris des Jahres 1920, René Griffon ist Privatdetektiv und wirkt vor allem noch deutlich traumatisiert durch den Ersten Weltkrieg, an dessen Front er mitgewirkt hat. Griffon erhält von dem hochdekorierten Colonel Fantin den Auftrag, einen Erpresser ausfindig zu machen, der es schnöderweise auf ihn abgesehen hat, doch wie nicht anders zu erwarten, verwischen bei Griffons Suche schon bald die Linien zwischen Gut und Böse, und zwar nachhaltig. Halbseiden ist nicht nur das Milieu, in dem Fantins Ehefrau, Madame de Larsaudière, verkehrt; in der recht komplexen Aufbereitung der Affäre werden Gewissheiten ein ums andere Mal aufgekündigt und grössere und kleinere Schweinereien – u.a. die Vernebelungstaktiken der Polizei - sichtbar gemacht. Es gibt hier auch klar erkennbar einen politischen Alltag mit Hausbesetzungen in einer Villa in Neuilly sowie Zwangsräumungen, unser Detektiv zieht alle nur denkbaren Register und gibt sich etwa als Reporter der kommunistischen Zeitung „L’Humanité“ aus, um den hochbrisanten Abläufen ganz nah zu sein. Allerdings scheint er dabei dem Geschehen oftmals auch nur hinterherzuhinken, und selbst Auftraggeber Fantin narrt ihn ein ums andere Mal, doch am Ende kann er eine recht spektakuläre Lösung präsentieren (die hier selbstredend nicht verraten wird).

Den mäanderenden Recherchen Griffons folgt man auch deshalb so gerne, weil Daeninckx (und mithin der deutsche Übersetzer Stefan Linster) das ganze Anarchisten- und Halunkenmilieu sprachlich authentisch, aber eben nicht übertrieben karikaturkaft, abgebildet und sich im übrigen leicht ironische Spitzen nicht verkniffen hat; man schmunzelt bei Formulierungen wie: „Madame de Larsaudière zog ihre Adelspartikel wie ein Schosshündchen hinter sich her durch sämtliche Etablissements von Montmartre.“ Und das Ganze ist natürlich auch ein genuiner Paris-Roman mit all dem dazu gehörenden dekadenten Metropolenflair: dem miefigen Geruch in den Métrostationen, dem Anblick der abgerissenen Clochards und der zwielichtigen Gestalten im Bois de Boulogne. Das Buch ist, um einen noch recht aktuellen Bezug herzustellen, das ultimative Gegenstück zu Woody Allens „Midnight in Paris“, worin diese Stadt und die 1920er Jahre als Sehnsuchtsort des Heimischen nostalgisch verklärt werden. Nein, bei Daeninckx wird es einem in dieser Stadt eher unheimlich zumute, aber das hat ganz entschieden auch was.

Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung. Roman. Aus dem Französischen von Stefan Linster. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2011, 271 S., 18.90 €

Thomas Laux aus biograph 11/2011

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