Ganz Deutschland ist besetzt von prominenten Menschen. Hinter jeder Milchkanne versteckt sich einer, den man aus dem Fernsehen kennt. Oder wenigstens aus der Apothekenumschau. Manche zurecht, manche nicht. In Köln ist jeder zweite Sänger in einer Mundartband oder beim Fernsehen, und in Berlin wimmelt es nur so von Kreativköpfen aus der Morgen-wird-unser-Ding-ganz-heiß-Branche. In Hamburg wohnen die etwas steifen, wortkargen Berühmtheiten und in München die überbordenden Großkotze mit ganz viel Geld.
Ganz Deutschland ist besetzt? Nein, es gibt da ein kleines Dorf, das sich tapfer wehrt, das alles tut, um den Anschein irgendeiner überregionalen Prominenz zu vermeiden. Wer hier berühmt ist, arbeitet nicht hier. Das Geld machen die großen Bekannten woanders. Am Rhein steigen sie nur ab. Also fällt es hier ziemlich schwer, die Klatschspalten zu füllen.
In Düsseldorf ist es schon einen Aufmacher im Lokalteil wert, wenn Roland Koch den U-Bahn-Bau besichtigt. Nochmal zum Mitlesen: Roland Koch besichtigt den U-Bahnbau, als Vertreter des Konzerns, der gut dafür bezahlt wird, dass er die Röhre ordentlich unter die Erde bringt. Mehr ist dieser Koch nicht. Er ist ein Industriehampel, der von einstiger Politprominenz zehrt. In Düsseldorf reicht das. Da wird man auch als C-Garde noch hinreichend gewürdigt.
Das hat natürlich damit zu tun, dass es sonst nix gibt. Außer vielleicht die lokale Möchtegernprominenz, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie immer in der Zeitung steht, weil sie im Fernsehen vorkommt, das zu der Zeitung gehört. Und auch im Lokalfunk hört man Geschichten von denselben Nasen, weil der Lokalfunk genau wie das Lokalfernsehen zur Lokalzeitung gehört. Prominent ist, wer in allen drei Medien vorkommt.
Man kann in dem Zusammenhang ruhig ein Milchbubi sein, der in etwa die Ausstrahlung einer leeren Keksdose hat, für eine Erwähnung im Düsselklatsch ist das ausreichend. Man kann komische Brillen tragen und sich für eine bedeutende Talkerin halten, in Düsseldorf ist das Ausweis von Besonderheit. Auch wenn jenseits von Dormagen niemand mehr weiß, wer man ist. Hier wird man prompt eingeladen zu jenen Treffen, wo sich Dickbäuche in Zweireihern gegenseitig die Aufträge zuschieben und so tun, als seien sie so wichtig wie sie sich fühlen. Und vorne moderiert dann der inzwischen offenbar für jede Gefälligkeit zu habende Giovanni di Lorenzo.
Es ist zum Schreien, wie wenig es braucht, um hierzustadt die Welle zu machen. Komischerweise merken die Eingeborenen das gar nicht mehr. Sie sind gewohnt, dass die Stadt im eigenen Saft köchelt, dass hier sehr spezielle Süppchen angerührt werden, die alles haben außer Pfeffer. Da muss schon mal jemand von außen kommen und ein paar Fragen stellen. Ob es keine echten Prominenten hier gibt? Ob sich irgendwer von Belang noch in Düsseldorf aufhält? Ob sich die Stadt durch irgendeine Form von Innovation außer der Erfindung neuer gesellschaftlicher Schmieröle auszeichnet?
Düsseldorf ist ein ärmliches Dorf. In intellektueller Hinsicht sowieso. Große Denker oder wenigstens Täter? Fehlanzeige. Verzweifelt wird eingemeindet, wer immer auch jemals den Fuß aufs Stadtgebiet gesetzt hat. Gerhard Richter ein Düsseldorfer? Kein Problem. Auch wenn der Maler längst in Köln wohnt. Er war doch mal in Düsseldorf. Das reicht.
Düsseldorf ist keine Stadt, in der man bleibt, wenn man etwas erreicht hat. Düsseldorf ist die Stadt, in der man wächst oder eben nicht. Das Schlimme sind indes nicht die Herausgewachsenen. Auch nicht jene, die das Wachsen früh eingestellt haben. Das Schlimme sind jene, die in der Mitte hängen geblieben sind und nun allen vorgaukeln, sie wären wer.
Niemand ist etwas in dieser Stadt der Mediokren. Niemand darf Geltung für sich beanspruchen. Niemand hat hier etwas Weltbewegendes geleistet. Düsseldorf ist ein Nichts von Stadt, eine urbane Hülle für das zwischen den Häusern reichlich verdiente Geld.
Es ist schwer angesichts einer solchen Bilanz frohgemut ins nächste Jahr zu sehen. Was ist da zu erwarten? Na ja, es gibt ein wenig Hoffnung. Der schmuddelige Tausendfüßler wird abgerissen. Bestimmt. Und vielleicht kommt ja auch Roland Koch mal wieder in den Underground. (aus biograph 1-2012)
Transferstadt am Rhein: Düsseldorf ist nicht. Düsseldorf wird.
Ouvertüre Mai 2012
Warum die DEG sterben muss
Ouvertüre Biograph April 2012
Düsseldorf ist dufte, supi, klasse, megagut.
Ouverture März 2012
Tu was für Düsseldorf - erreg dich!
Ouverture Februar 2012