Als ich an einem Samstag im Februar in die Stadt kam, sah ich viele Menschen demonstrieren. Junge Menschen. Ein paar Tausend. Ich dachte: Hey, sie sind aufgewacht, und jetzt machen sie ihrem Unmut über das staatliche Morden in Syrien endlich so Luft, wie es sich gehört. Ich kam dann näher und stellte fest, dass es sich nicht um einen Protest gegen Assads Mördereien handelte. Es war auch keine Demo gegen Rechts. Das hätte ich verstanden, weil Düsseldorf doch immerhin die Stadt ist, in der kürzlich erst ein Mann verhaftet worden war, der die ostzonalen Mörderdeppen unterstützt haben soll. Ich versuchte, etwas herauszubekommen und fragte eine Frau, die sich das alles auch ansah. „Die haben Angst, dass man ihnen das Internet zumacht“, sagte sie, „dass sie nicht mehr alles downloaden dürfen, was ihnen gefällt.“ Ich merkte gleich, dass diese simple Antwort keine gültige sein konnte, denn die jungen Demonstranten wirkten durchaus intelligent. Ich unterhielt mich dann mit einem von ihnen und erfuhr, dass es gegen ein so genanntes Urheberrechtsabkommen namens ACTA ging, eine internationale Verordnung, die nach Ansicht der Protestanten aus dem Internet eine Art DDR machen würde, in der am Ende nur die Googles, die Facebooks und die deutschen Verleger, nicht aber die wirklichen Autoren das Sagen haben. Das fand ich logisch, obwohl ich mich fragte, wie ungezügelte Downloadfreiheit und Autorenrecht zusammen gehen könnten, aber ich blieb eine Weile dabei. Dann aber beschlich mich ein komisches Gefühl. Ich fragte mich, woher diese ungeheure Wut kommt, wenn es um das Internet geht, und wo diese Wut bleibt, wenn auf der Welt gemordet wird. Sind Menschenleben weniger wert als ein paar freie Klicks? Oder demonstrieren da nur welche für ihre ganz persönliche Freiheit, eine Art Netz-Wellness? Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen, beschloss aber, mich von den Aktivisten zu entfernen. Ich hatte das Gefühl, nur für mich zu demonstrieren, für meinen persönlichen Nutzen, während anderswo Menschen sterben, die nur mal ihre freie Meinung sagen wollen. Ich bin letztlich zu keiner vernünftigen Einschätzung gekommen, wie man die Dinge wieder ins Lot bringt. Aber eine Demo gegen Assad oder gegen Rechts würde ich auf jeden Fall mit leichterem Herzen unterstützen.
Transferstadt am Rhein: Düsseldorf ist nicht. Düsseldorf wird.
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