Mit Dialogwitz und Humor trifft David Gieselmanns zeitgenössische Komödie den empfindlichen Punkt unserer bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft, deren Lebensüberdruss und Doppelmoral Abgründe hinter der kultivierten Fassade eröffnen.
Von David Gieselmann
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten - keine Pause
Besetzung / Team
Mit
• Christoph Schechinger / Ralf Droht
• Stefanie Rösner / Sarah Dreher
• Philipp Denzel / Bastian Mole
• Sesede Terziyan / Edith Mole
• Marian Kindermann / Pizzamann
Regie
• Nurkan Erpulat
Bühne
• Kathrin Frosch
Kostüme
• Julia Plickat
Video
• Philip Thalmann
Dramaturgie
• Katrin Michaels
• Daniel Richter
8./14./20./29. 5. - 18./19./28. 6. - 1. 7. jeweils 19.30 Uhr
im Düsseldorfer Schauspielhaus
Hintergrund-Interview
Mit Gewalt zum Glück zwingen
Regisseur Nurkan Erpulat im Gespräch über brennende Menschen, Kopftücher und Medienmechanismen. Am 20. Januar 2012 hatte seine Inszenierung von Herr Kolpert im Kleinen Haus Premiere.
Die Deutschen sind nicht gerade berühmt für ihren Humor, zumindest nicht ihren freiwilligen. Was reizt Sie an einer deutschen Boulevardkomödie?
Nurkan Erpulat: Ich denke, nein, ich weiß: Das Klischee von den humorlosen Deutschen stimmt nicht. Und Herr Kolpert ist auch keine Boulevardkomödie. Man könnte es als boulevardeskes Stück bezeichnen. Es benutzt Elemente des Boulevard, aber letztendlich stellt Kolpert sehr ernste Fragen z. B. nach dem Einfluß der Medien und dem Sinn des Lebens. Der reine Boulevard bestätigt die bestehende Ordnung, schmerzt nicht und entlässt sein Publikum befriedigt. Das alles trifft bei Herr Kolpert nicht zu.
Was ist Ihr Regiekonzept für Herr Kolpert?
Ich will nicht zu viel verraten. Zwei Menschen begehen aus Langeweile einen Mord. Beide gelten als vorbildliche Bürger. Was mich daran interessiert, ist der Begriff der «politischen Korrektheit» und seine Wirkungsmechanismen. Wie weit soll man für seine Überzeugungen gehen? Wo hört die Korrektheit auf und wo beginnt die Gewalt? Darf ich Menschen zu ihrem Glück auch zwingen? Ein Mann trennt seinen Müll nicht, wie gehe ich gegen ihn vor? Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, kann nicht frei sein. Ich will sie zwingen, einen Tag ohne Kopftuch in Freiheit zu leben. Dann soll sie selbst entscheiden, wie sie leben möchte. Denken nicht viele so?
Bisher haben Sie viel für freie Spielstätten gearbeitet – aber Sie scheint es zum Stadttheater zu ziehen?
Beides hat sein Für und Wider. In der freien Szene herrscht ein Mangel an Vielem, aber man trifft auf Menschen, die für ihre Sache brennen. In einem gewissen Rahmen ist sehr viel möglich. Im Stadttheater gibt es viele Mittel, aber auch viele Regeln. Ich möchte das eine wie das andere nicht missen. Ich will einmal einen Hamlet machen und den ganzen Apparat auskosten: Drehbühne, künstlicher Regen und Schnee, ein großes Ensemble. Aber es macht auch Spaß, auf totales Risiko zu setzen oder mit bestimmten Beschränkungen umzugehen. Ich glaube, in der Freien Szene kann man viel radikaler produzieren, vielleicht sogar viel politischer. Im Stadttheater muss man gewisse Rücksichten nehmen – das hat mit der Erwartungshaltung und dem jeweiligen Publikum zu tun. Wobei ich im speziellen Düsseldorfer Fall sogar denke, dass mein Intendant Staffan Valdemar Holm gute radikale Ideen jederzeit unterstützen würde.
Für die Ruhrtriennale haben Sie Das Schloss inszeniert – Warum war Ihnen die Auseinandersetzung mit Kafka wichtig?
Das war ein Auftragswerk. Intendant Willy Decker hatte mir den Stoff angeboten und ich fand das sehr interessant. Im Schloss wird der erste moderne Mensch beschrieben. Die Figur K. ist ein wenig wie Kafka selbst: zerrissen zwischen einerseits Sesshaftigkeit, Familiengründung, Geborgenheit und andererseits Abenteuer, Abwechslung, Rastlosigkeit. K. hat beides in sich, denn das Gefühl der Geborgenheit kann schnell kippen in Phlegma und Langeweile. Das ist mir nicht unbekannt. K. hält sich die Dinge offen, legt sich nicht schnell fest. Das ist sehr aktuell. Einmal wird er als Landstreicher verhöhnt. Er erwidert: «Ich bin ja Landvermesser.»
Hatten Sie jemals das Gefühl, vom Erfolg überwältigt zu sein? Wie behält man die Kontrolle?
Zur ersten Frage: nein. Zur zweiten: mit Arbeit. Erfolg ist relativ. Ich empfinde das gar nicht so wie manche Leute es scheinbar von außen wahrnehmen. Ich habe keinen Stalker, keine Groupies und es gab noch keine Anrufe aus Hollywood oder von der Shakepeare Company. Aus meiner Sicht ist alles viel normaler. Wenn ich kein Türke wäre, wäre es noch anders gelaufen. Ich wundere mich über diesen medialen Schneeballeffekt. Da schreibt einer vom anderen ab und legt jeweils noch eine Übertreibungsstufe zu. Nur als Beispiel: Da wird aus der «begabteste Regisseur des Jahres» der «begabteste Regisseur des Jahrzehnts» und daraus der «begabteste Regisseur des Jahrhunderts».
Was und wo sind Ihre nächsten Projekte bzw. Premieren?
Nach Kolpert mache ich am Wiener Volkstheater Gorkis Kinder der Sonne, Premiere ist am 27. April. Danach erlaube ich mir eine kreative Atempause. Ich nutze den Sommer, um über die nächsten Stücke und Projekte nachzudenken. Auf jeden Fall werde ich mich stark auf meine Arbeit am Düsseldorfer Schauspielhaus konzentrieren und meine Rolle hier als Hausregisseur.
Momo
im Düsseldorfer Marionettentheater 11. 4. - 19. 5.
Wir Antigone#2
im FFT 23./24. 5.
VANITAS – Schall und Rauch
Theater der Klänge im FFT 10./11./12./13./16./17./18./19. 5.
Das tapfere Schneiderlein
im Theater am Schlachthof, Neuss 13./20. 5.
Swchwrm
im Jungen Schauspielhaus 17./19./21./28. 5. - 1./16./17./25.-27. 6.
Freie Sicht
im Jungen Schauspielhaus 29./30. 5.
Klaus und Erika
im Jungen Schauspielhaus 31.5. - 3./5./6./11./18./19. 6.
Die Zauberflöte
im Düsseldorfer Marionettentheater 23. 5. - 30. 6.
Das war ich nicht
im Theater am Schlachthof, Neuss 10./11./12./25./26. 5.
Marija
im Düsseldorfer Schauspielhaus 16./21./27. 5.
Richard III.
im Düsseldorfer Schauspielhaus 6./15./18./19./30. 5. - 4./9./22./28. 6.
Rausch
im Düsseldorfer Schauspielhaus 10./11./12./22./23. 5. - 3./29./30. 6. - 1./2. 7.
Rahmenprogramm zu »Rausch«
im Düsseldorfer Schauspielhaus
Claims
im Jungen Schauspielhaus 15./16./18. 5. - 12./13./26./27. 6.
Delhi, ein Tanz
im Düsseldorfer Schauspielhaus 6./11./15./18. 5. - 9./22./27. 6.
Kein Science-Fiction
im Düsseldorfer Schauspielhaus 2./30. 5.
Tage unter
im Düsseldorfer Schauspielhaus 5./13./31. 5. - 5./16./23. 6.
Der erhobene Zeigefinger
im Jungen Schauspielhaus 6./7. 5. - 20.-22. 6.