
Ai Weiwei – Never Sorry
USA 2012, Laufzeit: 90 Min., FSK 6
Regie: Alison Klayman
>> www.aiweiwei-neversorry.de
Er hat dem Himmlischen Platz den Mittelfinger gezeigt, führte einen täglichen Blog, in dem er das chinesische Regime permanent kritisierte, er war maßgeblich an der Idee des ‚Vogelnestes’, dem Olympiastadion, beteiligt, blieb der Eröffnungszeremonie aber aus Protest fern. Ai Weiwei ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit und sein Protest gegen die chinesischen Autoritäten wirkt in diesem Dokumentarfilm von Alyson Klayman, die den Künstler drei Jahre lang begleitet hat, wie ein Machtkampf zwischen Kunst und Politik.
Vielleicht ist ihm der Widerstand schon in die Wiege gelegt, schließlich wurde sein Vater Al Quing, einer der bedeutendsten Lyriker des modernen Chinas, mit einem Schreibverbot belegt und in die Provinz verbannt. Hier wuchs Ai Weiwei auf und schloss sich Ende der 70er Jahre einer jungen Künstlergruppe in Peking an. In den Achtzigern lebte er in New York, wo er nicht nur viele Kontakte zu anderen Künstlern, wie z.B. Allen Ginsberg aufbaute, sondern auch Marcel Duchamp und die Fotografie für sich entdeckte. Zurück in China wurde er zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten – als Konzeptkünstler, Architekt, Verleger, Blogger und als Kritiker des chinesischen Regimes.
Der Film beginnt 2008, als AI Weiwei zu einer Bürgeruntersuchung des Erdbebens von Sichuan im Internet aufruft. Ihm geht es nicht darum, die Schuldfrage zu klären, nicht darum zu zeigen, dass so viele Kinder in völlig maroden Schulgebäuden umgekommen sind, sondern er will nur den Opfern einen Namen und ein Gesicht geben. Aus dem ganzen Land bekommt er Namen und Fotos, die er veröffentlicht und zu einer großen Installation zusammenführt. Damit trifft er das Regime ins Mark, wird fortan verfolgt. Er wird nicht verhaftet, aber von Beamten so schwer zusammengeschlagen, dass er sich bei seiner Ausstellung „So sorry“ in München in ärztliche Behandlung wegen Gehirnblutungen begeben muss. Er veröffentlicht seine NMR-Bilder nicht nur im Netz, sondern macht den Beamten ausfindig, der ihn geschlagen hat, und verklagt ihn öffentlich. Zu einem Prozess ist es bis heute nicht gekommen. Dafür installiert er 9.000 bunte Kinder-Rucksäcke an der Fassade des Hauses der Kunst in München und setzt damit ein weiteres eindringliches Zeichen.
Nachdem die chinesischen Behörden seinen täglichen Blog geschlossen haben, kommuniziert Ai Weiwei weiter auf Twitter. In der Tate Modern in London lässt er 100 Millionen handgefertigte Sonnenblumenkerne aus Porzellan auslegen und gibt damit eine treffende Metapher für die Situation der Massen im heutigen China. Trotz des immer größer werdenden Drucks, kehrt er immer wieder in sein Heimatland zurück, bis er im April 2011 verhaftet wird. 81 Tage herrscht absolute Ruhe, niemand weiß wo er ist, keiner kann ihn besuchen oder kontaktieren, was eine weltweite Solidaritätsaktion auslöst. Nicht nur auf der Tate Modern stehen groß die Buchstaben FREE AI WEIWEI zu lesen, sondern überall auf der Welt fühlt sich die Kunstszene dazu veranlasst, auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. So gerät seine Verhaftung im Nachhinein vielleicht zur größten Installation aller Zeiten.
Alison Klaymans Film zeigt sehr genau, wie gut es Ai Weiwei versteht, das Internet für seine Zwecke einzusetzen. Kunst und Kommunikation sind bei ihm unmittelbar verknüpft und eine so starke Waffe, dass er immer noch an einen Sieg seiner Kampagne für Freiheit glaubt. Der Westen muss da beschämt zurücktreten, denn hier war das Motto der internationalen Kunstmärkte in den letzten Jahren eher „Kunst & Kommerz“ und so führt Ai Weiwei die Kunst wieder zu dem zurück, was sie einmal war und immer sein sollte: Eine Reflektion auf die Gesellschaft, in der wir leben.
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